Beiträge, Ordnungspolitischer Kommentar

Voluntourismus in Entwicklungsländern – ein Markt mit Nebenwirkungen

Von Larissa Hages vom 07. Juni 2016

 

Seit einigen Jahren besteht ein Trend zu kurzen Freiwilligeneinsätzen als Teil von Erlebnisurlaub, vor allem in Entwicklungsländern. Touristen werden zu Voluntouristen (von engl. volunteer: Freiwilliger) und arbeiten für kurze Zeit in sozialen oder ökologischen Projekten mit. Neben jungen Menschen sind auch Berufstätige, die eine Auszeit nehmen und aktive Rentner Voluntouristen. Sie tun das, weil sie den Menschen in ihrem Reiseland helfen möchten, können aber durch ihre Nachfrage unbeabsichtigte Auswirkungen auf Schutzbedürftige und auf den Arbeitsmarkt hervorrufen.

Freiwilligendienst als Produkt

Ob Freiwilligeneinsätze in Entwicklungsländern grundsätzlich einen Beitrag zur Entwicklungszusammenarbeit leisten können, ist umstritten. Am ehesten werden lange Aufenthalte mit intensiver Vor- und Nachbereitung als sinnvoll bewertet. Diese geregelten Freiwilligendienste sind Bestandteil der Strategie der Bundesregierung zur Entwicklungszusammenarbeit. Voluntourismus-Anbieter ermöglichen Einsätze dagegen oft schon ab einer Woche Aufenthaltsdauer. Reiseveranstalter haben Freiwilligendienste als Produkt entdeckt, das sie häufig neben Sprachund Bildungsreisen anbieten. Sie werben armutsorientiert, mit Bildern von Kindern und Tieren und dem Versprechen, einen wichtigen Beitrag zu leisten. Im Gegensatz zu Freiwilligendiensten mit gemeinnützigen Organisationen, die die Menschen in den Reiseländern in den Mittelpunkt stellen, geht es beim kommerziellen Voluntourismus um die Voluntouristen als Kunden. Reiseveranstalter bieten auf ihren Websites und in Katalogen verschiedene Projekte zur Auswahl an. Die Beschreibungen lassen vermuten, dass sie unrealistische Erwartungen wecken und neokoloniale Ansichten fördern können. Die Teilnehmer wollen einen abenteuerlichen Urlaub verbringen und zusätzlich das Gefühl bekommen, etwas Gutes zu tun. Sie möchten nebenbei die Lebensumstände der lokalen Bevölkerung kennenlernen, sie schnell und einfach verbessern und sich dabei persönlich weiterentwickeln. Der Einsatz wird zum Programmpunkt einer Reise neben anderen Ausflügen. Der Reisepreis beinhaltet die Vermittlung, Betreuung und Unterbringung im Projekt und darüber hinaus meist eine Spende.

Der Markt für Voluntourismus

Grundsätzlich können sich auf einem Markt für Voluntourismus alle Teilnehmer besserstellen. Reiseveranstalter und Projekt teilen den Reisepreis unter sich auf und der Voluntourist hat ein bedeutsames Erlebnis. Für das Projekt steht der Nutzen aus der Arbeit und dem finanziellen Beitrag des Voluntouristen den Betreuungskosten gegenüber. Kostet die Betreuung mehr, als die Arbeit nutzt, muss die zusätzliche Spende mindestens die Differenz zu den Betreuungskosten ausgleichen. Neben ihrer Rolle als Freiwillige sind Voluntouristen auch Touristen. Dabei fragen sie verschiedene Güter und Dienstleistungen nach. Besonders wenn diese Nachfrage zu großen Teilen durch Produktion im Reiseland bedient wird, kann Tourismus einen Multiplikatoreffekt haben. Zusätzlich haben die persönlichen Erfahrungen im Reiseland das Potenzial, Kunden für wiederholte Reisen an das Land zu binden.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Wenn ihre Arbeit im Verhältnis zu den Betreuungskosten einen Mehrwert bringt, treten Voluntouristen in Konkurrenz zu einheimischen Arbeitern. Kritiker befürchten dadurch Verdrängungseffekte. Projektbetreiber entscheiden allerdings rational, wenn sie Voluntouristen einstellen, sofern diese günstiger sind. Entsprechende Projekte sind oft durch private Spenden oder öffentlich finanziert und müssen mit knappen Mitteln auskommen. Einige Aufgaben würden ohne Voluntouristen vielleicht gar nicht erfüllt. Vorhandene Ressourcen können durch den Einsatz von Voluntouristen eingespart und für andere Vorhaben frei werden, wo dann Arbeitsplätze für Einheimische entstehen. Sie würden also nicht unbedingt schlechter gestellt. Allerdings ist das Arbeitsangebot durch Voluntouristen unsicher. Auch das müssen Projektbetreiber berücksichtigen. Der Reisetrend kann sich, etwa nach Naturkatastrophen, schnell ändern. Mittel könnten dann für andere Vorhaben gebunden sein. Voluntouristen können auch die langfristige Entwicklung von Kompetenzen im Reiseland beeinflussen. Qualifizierte Voluntouristen können Lückenfüller sein, wo qualifizierte Einheimische fehlen. Ihre Anwesenheit kann dazu führen, dass Kompetenzen lokal nicht entwickelt werden und damit Abhängigkeiten schaffen. In entsprechend ausgerichteten Projekten können Voluntouristen aber auch dazu beitragen, die Kompetenzen einheimischer Arbeiter aufzubauen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten

Auswirkungen auf Schutzbedürftige

Viele Voluntaristen verbringen ihre Einsätze in Einrichtungen für Kinder. Kinderheime sind besonders beliebt. Dabei kann der häufige Wechsel von Freiwilligen vor allem Kinder ohne feste Bezugspersonen emotional traumatisieren. Hier ist nicht klar, ob in Abwesenheit von Voluntouristen die ideale Betreuung bei Familienmitgliedern oder durch langfristige Betreuer möglich wäre. Die Möglichkeit dazu können potenzielle Voluntouristen aber fördern, indem sie anstelle eines Arbeitseinsatzes eine seriöse Organisation mit einer Spende unterstützen. Weitgehend unkontrollierter Zugang zu Kindern durch Voluntouristen kann auch die Gefahr von sexuellen und körperlichen Übergriffen erhöhen. Eine hohe Nachfrage nach Kinderheimbesuchen kann außerdem zu einer höheren Nachfrage nach Kindern durch die Betreiber von tourismusorientierten Kinderheimen führen, als tatsächlich einen Platz im Kinderheim brauchen. Diese Nachfrage können Betreiber mit Kindern aus armen Familien decken. Die Familien erhoffen sich dabei bessere Chancen für ihre Kinder oder sind durch ihre Notlage zum Verkauf gezwungen. In einigen Ländern beobachten Hilfsorganisationen einen Anstieg der Anzahl von Kinderheimen und Kindern, die dort betreut werden, obwohl sie mindestens einen lebenden Elternteil haben. Diese Entwicklung wird mit dem touristischen Interesse an den Heimen in Verbindung gebracht. Wie Reiseveranstalter mit der Situation umgehen ist unklar, da es kein Zertifizierungssystem für Voluntourismus gibt. Wohlmeinende Voluntouristen können also durch ihre Nachfrage Anreize für kriminelles Verhalten setzen und unbeabsichtigt Kinderhandel und Korruption fördern.

Wer kann unerwünschte Auswirkungen korrigieren?

Zunächst kommen die Reiseländer, auf deren Gesellschaft sich der Voluntouriusmus direkt direkt auswirkt, als ordnende Instanz in Betracht. Ein Verbot von Menschenhandel und besonderer Schutz von Kindern sind theoretisch Bestandteile des Ordnungsrahmens, in dem der Voluntourismus stattfindet. Nahezu alle Staaten haben entsprechende Abkommen ratifiziert. In der Praxis setzen sie diese Verpflichtungen aber nicht immer durch. Eine hohe Anfälligkeit für Korruption und schlechte Kontrollmöglichkeiten machen eine effektive Regelung von Voluntourismus unwahrscheinlich. Zudem setzen Voluntouristen in ihrer Rolle als Touristen Anreize für die Regierungen der Reiseländer, mögliche Nebenwirkungen des Voluntourismus zu ignorieren. Positive Effekte durch Tourismus werden unter Umständen höher bewertet als unerwünschte Nebenwirkungen. Voluntouristen, die sich auf altruistische Motive berufen, werden die möglichen Auswirkungen ihrer Einsätze auf Schutzbedürftige und Arbeitsmärkte in den Reiseländern vermutlich nicht gutheißen. Vielleicht könnten sie sich selbst über die möglichen Nebenwirkungen ihres Handels informieren und so fragwürdige Projekte ausschließen. Allerdings ist die Bewertung einzelner Projekte schwierig. Dazu sind detaillierte Informationen nötig. Die Informationskosten sind sehr hoch. Kunden sind auf die Informationen angewiesen, die die Reiseveranstalter bereitstellen. Auch für Reiseveranstalter entstehen Kosten, wenn sie die Qualitätihrer Projekte bewerten und glaubhaft signalisieren wollen, sie würden nur bei einer entsprechend höheren Zahlungsbereitschaft für gute Projekte private Signale setzen. Bisher lässt sich das nicht beobachten. Es scheint also kein ausreichend großes Interesse an den Informationen zu geben. Können anstelle der Kunden ihre Heimatstaaten das Informationsproblem lösen? Eine Möglichkeit besteht in der Aufklärung von potenziellen Voluntouristen. Viele Staaten betreiben entwicklungspolitische Bildungsarbeit. Dabei können sie auch das Thema Voluntourismus aufgreifen. Ein stärkerer Eingriff wäre es, heimischen Reiseveranstaltern Auflagen, z. B. zum Kinderschutz, zu machen. Ein Verbot bestimmter Angebote könnte dann die Aufmerksamkeit für das Thema erhöhen.

Fazit

Durch fehlende Aufsicht in den Reiseländern gibt es einen ungeordneten Markt für Voluntourismus, der zum Teil unerwünschte Nebenwirkungen hat. Die Leidtragenden sind dabei vor allem Kinder. Für Voluntouristen als Kunden ist dieser Markt intransparent. Sie laufen Gefahr, entgegen ihrer guten Absichten zu handeln. Aufgeklärte Kunden könnten besser entscheiden, ob und wie Voluntourismus für sie in Frage kommt. Entwicklungspolitische Bildungsarbeit kann dazu eine geeignete Maßnahme sein. Wenn es darum geht, einen Beitrag zum Engagement einer seriösen Organisation im Reiseland zu leisten, ist Voluntourismus vermutlich nicht der richtige Weg. Normaler Tourismus und eine unabhängige Spende könnten den Betroffenen vor Ort mehr nutzen. Kommt Selbstverwirklichung als Motivation hinzu und ein geregelter Freiwilligendienst nicht in Betracht, können aufgeklärte Voluntouristen möglichst verantwortungsvolle Reiseveranstalter und Projekte auswählen. Sie können Projekte ausschließen, die sehr wahrscheinlich unerwünschte Auswirkungen haben. Dazu zählen insbesondere Projekte in Kinderheimen.