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von Erich Weede

Dieser Aufsatz erschien zuerst in ORDO Band 66, 2015. Mit großem Dank an die Herausgeber freuen wir uns auf die Zustimmung zur Veröffentlichung auf unserer Webseite. Wenn Ihnen dieser Aufsatz gefällt, sollten Sie sich auch die anderen ORDO-Jahrbände ansehen. Hier geht es zu ORDO.
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Weede E. (2015). Von Hayek lernen (ORDO)

 

 

I. Eine Theorieskizze

Unter allen Gedanken und Theorien, die Hayek (1945, 1971, 1980-1981) entwickelt hat, halte ich seine Ausführungen zum menschlichen Wissen für die bedeutsamsten und in seinem Denken am zentralsten. Die Qualität einer Gesellschaft hängt nach Hayek wesentlich davon ab, ob sie in der Lage ist, vorhandenes Wissen zu nutzen, Wissen zu mehren und Wissensvergeudung zu vermeiden, auch ob Illusionen über die Art und das Ausmaß des menschlichen Wissens vermieden werden. Mit Leube (1994, S. 171) könnte man auch sagen, dass es in der Zivilisation darum geht, den Menschen die Nutzung von mehr Wissen zu ermöglichen, als sie selbst besitzen. Die Funktion von Knappheitspreisen ist nicht zuletzt die, dass sie den Wissensbedarf verringern. Wer sich an Knappheitspreisen orientiert, muss nicht wissen, welche anderen und vielleicht wichtigeren Verwendungen von ihm nachgefragte und teure Güter haben. Das Wissen um einen hohen Preis reicht, um Anreize gegen Vergeudung zu setzen. Sogar Hayeks (1976/2008) Vorschläge zur Entnationalisierung des Geldes hängen mit seinem Misstrauen gegen das Wissen (und auch die Absichten) von Machthabern zusammen. Zu den Machthabern zählen ja auch Zentralbanker. Hayek behauptet nicht zu wissen, wie man dauerhaft gutes Geld schaffen kann. Deshalb rät er, sich dem Wettbewerb und der Evolution und nicht etwa einer monopolistischen Zentralbank anzuvertrauen.
Bei dem Versuch, die Essenz von Hayeks Gesellschaftstheorie darzustellen, werde ich auch eine an (Popper 1934/1969) und dessen Wissenschaftslehre orientierte Fragen stellen: Was würde Hayeks Theorie widerlegen bzw. falsifizieren? Dieser Frage werde ich sowohl durch Verweise auf die Wirtschaftsgeschichte als auch auf die Ökonometrie nachgehen. Nach Popper sollten wir Theorien bevorzugen, die grundsätzlich durch Erfahrung widerlegbar sind oder denkbare Ereignisse verbieten, aber dennoch nicht (oder weniger als konkurrierende Theorien) durch Erfahrung widerlegt worden sind.
Hayek vertritt einen weiten Wissensbegriff. Wissen ist für ihn nicht nur akademisches oder theoretisches oder explizit formuliertes Wissen. Wissen ist auch Know how, also Kenntnis von praktischen Problemlösungen und oft implizit, sogar in Gewohnheiten versteckt. Auch Analphabeten besitzen Wissen. Bauern im Mittelalter oder heute in Entwicklungsländern wissen aus Erfahrung, was auf welchem ihrer Felder gut wächst, wann man das Feld wie bearbeiten und wann man ernten sollte. An dieser Stelle wird schon klar, dass das Wissen an Zeiten und Orte gebunden sein kann. Was die Bauern wissen, bezieht sich auf ihre Felder und das zu ihrer Zeit verfügbare Saatgut. Ein anderes Beispiel für lokales und implizites Wissen sind die Erfahrungen des Einkäufers einer großen Firma, wer zuverlässig tatsächlich die vereinbarte Qualität und Quantität pünktlich liefert und wer Versprechungen macht, aber diese nur selten einhält. Nach Hayek kann Wissen also explizit oder implizit, universell oder raum-zeitlich begrenzt sein. Das implizite Wissen kann auch in Regeln, Traditionen und Institutionen enthalten sein.
Bis hier habe ich nur etwas zur Bedeutung von Worten gesagt und eine Klassifikation angedeutet, aber noch keine falsifizierbare Hypothese oder Theorie angegeben. Für Theorien gilt nach Popper, dass sie umso mehr sagen, je mehr sie verbieten. Hayeks Wissenstheorie verbietet positive Konsequenzen von Versuchen zur Wissenszentralisierung für Volkswirtschaften oder erst recht die Weltwirtschaft.4 Nach Hayek verfügt auch der Klügste nur über einen kleinen Bruchteil des menschlichen Wissens. In einer Beziehung sind wir Menschen nach Hayek tatsächlich gleich: Die Masse des menschlichen Wissens ist immer in den Köpfen der Anderen und nie im eigenen.
Wenn Wissen nicht in einem Kopf, auch nicht in einer Behörde wie Gosplan, in Anbetracht des impliziten Charakters großer Teile des Wissens auch nicht in einem Computer oder einer Cloud zentralisiert werden kann, dann verbietet die Hayeksche (1988, S. 7) Wissenstheorie das Gelingen großflächiger oder gesamtgesellschaftlicher Zentralisierungsversuche des Wissens und von darauf beruhenden Entscheidungen. Die Hayeksche Wissenstheorie gebietet, dass gut funktionierende Gesellschaften den Menschen Freiheit gewähren müssen, um das auf Tausende oder Millionen Köpfe verteilte Wissen zu nutzen. Dabei geht es um die Freiheit, das eigene Wissen im eigenen Interesse zu nutzen. Bei Obrigkeiten kann man nach Hayek ja nicht unterstellen, dass die wissen, welcher Untergebene was weiß. Freiheit ist für Hayek immer Freiheit von Zwang und Gewalt. Das wird in der politischen Philosophie oft als negative Freiheit bezeichnet.
Freiheit bedeutet für Hayek nicht, dass man über viele oder auch nur hinreichende Ressourcen verfügt, sondern nur, dass man über die eigenen Ressourcen verfügen kann. Bei den eigenen Ressourcen denkt Hayek (1980, S. 83) vor allem auch an das eigene Wissen, denn Freiheit ist für ihn ein „Zustand, in dem jeder sein Wissen für seine Zwecke verwenden kann.“
Wichtig ist, dass die Menschen nicht nur Entscheidungsfreiheit haben, sondern auch den Anreiz, diese Entscheidungsfreiheit zu nutzen. Hier greift Hayek auf einen Teil des üblichen Menschenbildes der Ökonomik zurück. Er unterstellt, dass die meisten Menschen die meiste Zeit am eigenen Interesse und am eigenen Nutzen orientiert handeln. Bei der anderen Annahme des ökonomischen Menschenbildes, der Rationalitätsprämisse, da hat er seine Zweifel. Eine Diskussion des Rationalitätsproblems beim wirtschaftlichen Handeln soll hier vermieden werden, weil das von Hayek wegführt.
Hayek betont, dass die Freiheit der Menschen mit Verantwortung gepaart sein muss. Andere Ökonomen sprechen hier von der Notwendigkeit der Haftung. Jedenfalls bedeutet Verantwortung für Hayek, dass man für sein eigenes Handeln und dessen Folgen verantwortlich gemacht wird, dass man sowohl positive als auch negative Handlungskonsequenzen persönlich tragen, ertragen oder gar erleiden muss. Nur dann hat man den Anreiz, dass eigene Wissen optimal zu nutzen. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der jeder viele oder gar fast alle Güter und Dienstleistungen von Anderen bezieht, muss man den Anderen eigene Güter oder Leistungen zum Tausch anbieten. In einer freien und arbeitsteiligen Gesellschaft ist es im eigenen Interesse, die Bedürfnisse der Anderen
zu berücksichtigen statt an deren Bedürfnissen vorbei nur Ladenhüter anzubieten. Das wusste schon Adam Smith im 18. Jahrhundert. Hayek hat das nie vergessen. Wenn Menschen für die Folgen ihrer Handlungen verantwortlich gemacht werden, dann wird sozial erwünschtes Handeln wahrscheinlicher.
Hayek betont, dass Menschen in arbeitsteiligen Gesellschaften von Wissen profitieren, dass sie selbst nicht besitzen, vom Wissen der Anderen und von der Freiheit der Anderen, ihr Wissen zum eigenen Nutzen und damit auch zum Nutzen ihrer Tauschpartner zu gebrauchen. Hayek (1971, S. 41-42) hebt hervor, dass Menschen nicht nur ein Interesse an der eigenen Freiheit, sondern auch ein Interesse an der Freiheit der Anderen haben:

„Die Vorteile, die ich aus der Freiheit ziehe, sind daher weitgehend das Ergebnis des Gebrauchs der Freiheit durch andere und größtenteils das Ergebnis eines Gebrauchs der Freiheit, den ich selbst nie machen könnte…. Es ist wichtiger, dass alles von irgend jemanden versucht werden kann, als dass wir alle dasselbe tun können…. Die wohltätige Wirkung der Freiheit ist daher nicht auf die Freien beschränkt…. Das Wesentliche ist, dass die Wichtigkeit der Freiheit, bestimmtes zu tun nichts mit der Anzahl der Menschen zu tun hat, die dieses tun wollen: sie mag damit sogar fast im umgekehrten Verhältnis stehen.“

Das gilt nicht nur innerhalb von Gesellschaften, wo man vom Wissen und der Freiheit der Anderen profitiert, sondern auch zwischen Gesellschaften. Nach Hayek profitieren unfreie Gesellschaften von der Freiheit freier Gesellschaften, von deren Wissensstand, deren Wissensmehrung bzw. deren technologischem Fortschritt, deren Wohlstand. Denn unfreie und deshalb rückständige und arme Gesellschaften können von freien und deshalb fortgeschritteneren Gesellschaften Technologien übernehmen und deren wohlhabende Kunden beliefern. Manche Ökonomen nennen das Vorteile der Rückständigkeit. Jedenfalls impliziert Hayeks Theorie auch die falsifizierbare Hypothese, dass ärmere Länder schneller als reichere Länder wachsen können.
Für Hayek (1988, S. 30, meine Übersetzung) hängt Freiheit nicht nur mit Verantwortung, sondern auch mit dem Recht zusammen:

„Die individuelle Fähigkeit, selbst zu entscheiden, wie man angeleitet vom eigenem Wissen und Erwartungen und dem von Gruppen, denen man sich anschließen kann, bestimmte Dinge nutzt, hängt von der allgemeinen Anerkennung eines respektierten privaten Entscheidungsbereichs ab und einem gleichermaßen anerkannten Recht, bestimmte Dinge von einer auf eine andere Person zu übertragen.“

Nur das Recht kann ja die Freiheitsspielräume der Menschen unter einander abgrenzen und die Konfliktgefahr damit reduzieren. Hayek konnte nicht nur auf Adam Smith und dessen Idee der unsichtbaren Hand aufbauen, sondern auch auf Locke und dessen Vorstellung vom Selbsteigentum der Menschen und daraus abgeleitet dem Eigentum an den Früchten der eigenen Arbeit. Wenn man wie Hayek unter Freiheit die Freiheit von Zwang und Gewalt versteht, dann können
Zwang und Gewalt nicht rechtmäßig sein, dann müssen Zwang und Gewalt verboten sein, dann muss das Freiheitsrecht der Individuen respektiert werden. Legitimer Einsatz von Zwang und Gewalt ist bei Hayek vor allem die Verhinderung von Gewalttaten bzw. der Schutz der Freiheitsrechte.
Das Recht ist für Hayek spontan bzw. durch Evolution entstanden, aus Gewohnheiten, Traditionen und Verhaltensregeln, deren Beachtung sich für menschliche Gemeinschaften als vorteilhaft erwiesen hat. Solches Recht wird eher gefunden als erfunden. Denn das Recht setzt kulturelle Gemeinsamkeiten schon voraus. Deshalb hat Hayek auch große Sympathie für das angelsächsische ‚common law‘, dass sich an Präzedenzfällen und weniger an gesetztem Recht orientiert. Der Rechtsetzung durch Legislative und vor allem der Befugnis von Legislativen zur Setzung inhaltlich beliebigen Rechts, dem Rechtspositivismus, steht Hayek skeptisch bis ablehnend gegenüber. Obwohl Hayek sich dagegen gewehrt hatte, als Konservativer zu gelten, schreibt derselbe Hayek (1981b, S. 217) an anderer Stelle: „Was den Menschen gut machte, ist weder Natur noch Vernunft, sondern Tradition.“
An dieser Stelle muss man wieder die Frage stellen, ob die Evolution per se eine freiheitliche Entwicklung garantiert. Wer, wie Hayek, die Entwicklung in Deutschland oder in der Sowjet-Union in den 1930er Jahren von London aus beobachtete, musste wissen, dass es keine Garantien für eine freiheitliche Entwicklung der Welt gab. In seinem Bestseller ‚Weg zur Knechtschaft‘ hatte Hayek (1944/1976) sogar die Befürchtung geäußert, dass es noch nicht mal in westlichen Demokratien derartige Garantien gibt. M. E. ist Hayeks evolutionärer ‚Optimismus‘ letztlich nicht mehr als begründeter Pessimismus gegenüber allen Versuchen, durch Zentralisierung politischer Macht und Planung freiheitliche Institutionen durchsetzen zu können. Warum sollten die Machthaber auch ein Interesse an der Begrenzung ihrer Macht entwickeln? Kritik am institutionellen Status quo und bestehenden Freiheitsdefiziten hat Hayek immer geübt. Auch der demokratische Charakter einer Legislative überzeugt Hayek nicht davon, dass beliebige Eingriffe in die individuelle Freiheit gerechtfertigt werden können. Begrenzte Staatstätigkeit ist für Hayek noch wichtiger als die demokratische Wahl der politischen Entscheidungsträger. Hayek kann sich nicht vorstellen, dass die Demokratie ohne begrenze Staatstätigkeit lebensfähig ist. Für ihn sind Zentralverwaltungswirtschaft und Demokratie inkompatibel.
Hayeks Vorstellung vom Recht ähnelt seiner Vorstellung vom Wissen. Er kennt ja implizites und explizites Wissen. Zum impliziten Wissen gehören die bewährten Verhaltenserwartungen, Verhaltensregelmäßigkeiten und Traditionen. Dieses implizite Wissen ist der kulturelle Hintergrund und die Quelle des expliziten Rechts. Regeln können explizit gemacht werden und zu Gesetzestexten führen, die spezifische Handlungen von der Tötung Anderer bis zum Abstellen eines Autos im Halteverbot verbieten. Rechtskenntnis erlaubt zu wissen, welche Handlungen positiv und welche negativ sanktioniert werden.
Hayek stellt mindestens zwei materiale Anforderungen an das Recht. Erstens muss es die Freiheitsrechte der Individuen klären, abgrenzen und garantieren. Damit schafft das Recht eine bestimmte Art des Wissens. Bei Hayek (1971, S. 172) heißt es:
„In dem sie sagen, was geschehen wird, wenn jemand dieses oder jenes tut, haben die staatlichen Gesetze für das Handeln dieselbe Wirkung wie die Naturgesetze: der Handelnde kann seine Kenntnisse der Gesetze des Staates zur Verfolgung seiner Zwecke ebenso verwenden, wie er die Kenntnis der Naturgesetze dazu verwendet.“
Zweitens muss das Recht zur Minimierung von Konflikten unter den Menschen beitragen. Das wichtigste Instrument zur Konfliktminimierung ist die Zuweisung von Eigentumsrechten, an sich selbst, an den Früchten der eigenen Arbeit, auch an Produktionskapital. Als Schüler von Mises (1920) weiß Hayek, dass nur der Privatbesitz an Produktionskapital Knappheitspreise auf Inputmärkten und damit eine rationale Ressourcenallokation ermöglicht. Hayek selbst betont vor allem die mit dem Privateigentum an Produktionskapital verbundene Dezentralisierung der Entscheidungen, die deshalb verbesserte Nutzung des auf Tausende von Köpfen verteilten Wissens, die Möglichkeit, Entscheidung und Verantwortung zu kombinieren. Er betont auch, dass eine Vielzahl von Eigentümern an Produktionskapital oder Arbeitgebern auch denen nützt, die kein Produktionskapital besitzen (Hayek 1976, S. 113). Rechtssicherheit ist nach Hayek
(1971, S. 271) auch ein wesentlicher Grund für den Wohlstand des Westens.
Weil der Gedanke der Freiheit so eine zentrale Stellung im Hayekschen Denken hat, weil er einen negativen Freiheitsbegriff, nämlich Freiheit von Zwang, unterstellt, muss Hayek notwendigerweise für Grenzen der Staatstätigkeit eintreten. Die Herstellung von sozialer Gerechtigkeit ist für Hayek nicht Staatsaufgabe, sondern eine Illusion, also jenseits menschlicher Möglichkeiten und eine Gefahr für die Freiheit der Menschen, selbstgesetzte, d. h. von Mensch zu Mensch verschiedene, Ziele zu verfolgen (Hayek 1981a, S. 95). Für Hayek besteht die Staatsaufgabe in der Erhaltung der freiheitlichen Rechtsordnung, in der Abgrenzung der individuellen Entscheidungsspielräume von einander, nicht in der Durchsetzung irgendwelcher Verteilungsziele. Dagegen kann man einwenden, dass die Rechtsordnung den inneren Frieden sichern soll und von den Menschen akzeptiert werden muss, dass deshalb die Gerechtigkeitsfrage nicht einfach zur Seite geschoben werden kann (Albert 1978, S. 144). In der Ablehnung von Verteilungszielen ist Hayek deshalb nicht ganz konsequent. Sein Lehrer Mises (1927) war da konsequenter und viele Libertäre sind es ebenfalls.16 Aber Hayek lässt eine gewisse Umverteilung von oben nach unten zu (1981b, S. 83), um absolute Armut und Not zu lindern. M. E. übersieht Hayek hier, dass damit der Politik das Betreten einer schiefen Ebene erlaubt wird, zumal Hayek auch noch eine Verbesserung der Armenfürsorge mit steigendem Wohlstand der Gesellschaft für richtig hält. Wenn die Armut mancher Gesellschaftsmitglieder die zwangsweise Enteignung bzw. Besteuerung Anderer rechtfertigt, dann wird es schwer, Enteignungsprozesse zu begrenzen. Wenn Hayek einen Schutzwall oder eine Grenze gegen ausufernde Besteuerung, die ja in Enteignung übergehen kann, vorschlägt, dann ist es seine entschiedene Ablehnung der progressiven Besteuerung. Hayek hatte vor allem in ergrauenden Wohlfahrtstaaten vor den Gefahren der Umverteilung gewarnt.

II. Enthält Hayeks Theorie falsifizierbare Thesen? Sind die haltbar?

Stützen beobachtbare Daten die oben vorgestellte Theorieskizze über die Produktivität der Freiheit? Bedeutet Machtkonzentration oder Zentralisierung der ökonomischen Entscheidungen notwendigerweise den Verzicht auf die Nutzung von Wissen? Läuft die Reduzierung der wirtschaftlichen Freiheit auf Risiken für Wohlstand und Wachstum von Nationen hinaus? Die eindrucksvollste Evidenz zugunsten des Werts der Freiheit verdanken wir einem Politiker, der nichts von Hayek wusste, der das Gegenteil von dem durchsetzte, was dessen Theorien empfehlen. Im Jahre 1959 begann in China unter Mao Zedong (Mao Tse-tung) der große Sprung nach Vorn. Schon vorher waren in China die Bauern in Kollektive gezwungen worden. Aber die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften
waren zunächst noch übersichtlich, umfassten etwa ein Dorf. In diesen Dörfern gab es einen gewissen Zusammenhalt und Solidaritätsgefühle. Manchmal empfanden die Dorfbewohner einander sogar als Verwandte. Die Beschädigung der Arbeitsanreize hielt sich noch in Grenzen. Mit dem großen Sprung wurden kleine Kollektive in große oder riesige Kollektive zusammengefasst, sog. Volkskommunen. Der Lebensstandard der Menschen hing nicht mehr von der eigenen Arbeit oder wenigstens der Arbeit der Nachbarn und Verwandten ab, die man kannte und beobachten konnte, sondern von den Anstrengungen einer Vielzahl von Fremden. Die Arbeitsanreize mussten leiden. Außerdem wurde das Privateigentum konsequent abgeschafft. Oft mussten die Bauern sogar privates Kochgeschirr abgeben. Mit dem Privateigentum waren auch Märkte und Preise als Knappheitsindikator abgeschafft und durch Zuteilungen ersetzt. Bäuerliches Wissen darüber, was wo und wann wächst, wurden durch Entscheidungen der leitenden Kader der Kommune und rasch wechselnde Kampagnen ersetzt. Bei der Festsetzung politischer Schulungen wurden sogar in der Erntezeit manchmal die Opportunitätskosten missachtet. Kurz: Die Einsichten von Hayek wurden – ähnlich wie vorher bei der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjet-Union und später bei den Roten Khmer in Kambodscha – mit grausiger Konsequenz missachtet (Rummel 1994). Der Sinologe und Historiker Dikötter (2010, S. 324-334) schätzt die Zahl der Opfer, meist Hungertote, in der Größenordnung von 45 Millionen von damals ca. 650 Millionen Chinesen.
Hayeks Theorie verbietet den Erfolg von Experimenten wie dem großen Sprung nach vorn. Von Erfolg kann auch keine Rede sein. Meist waren auch kommunistische Regime nicht so radikal zentralistisch wie die Sowjet-Union bei Stalins Kollektivierung der Landwirtschaft, wie China nach dem großen Sprung, wie die Roten Khmer in Kambodscha. Es gab oder gibt noch mehrere geteilte Länder, wo in einem Teil mehr, in einem anderen deutlich weniger wirtschaftliche Freiheit herrscht, wo in einem Teil der Markt bei der Ressourcenallokation eine wichtige Rolle spielt und dezentralisiertes Wissen genutzt werden kann, im anderen aber Zentralverwaltungswirtschaft herrscht und viel Wissen vergeudet wird. Hayeks Theorie verbietet den Erfolg der wirtschaftlichen unfreieren Landesteile verglichen mit dem der freieren Landesteile.
Vergleichen wir deshalb Ost- und Westdeutschland vor der Wiedervereinigung, Taiwan und Festland-China vor Deng Xiaopings Reformen 1979, oder Nord- und Südkorea. Immer findet man, dass die Wirtschaft dort produktiver und erfolgreicher bei der Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern war, wo mehr wirtschaftliche Freiheit herrschte, wo Eigentumserwerb möglich war, wo es private Fabriken und sonstige Unternehmen gab, wo Knappheitspreise Einfluss auf die Ressourcenallokation hatten, wo das Wissen von Individuen und Unternehmern ohne politische Erlaubnis eingesetzt werden durfte. Die Überlegenheit des relativ freieren Systems variierte dabei von mindestens dem Faktor 3 im deutschen bis zum Faktor 22 im koreanischen Falle. Wieder ist ein Falsifikationsversuch gescheitert, wieder hat sich Hayeks Theorie bewährt.
Man kann gegen die bisher angeführten Überprüfungsversuche einwenden, dass es sich dabei um Extremfälle handelt, dass damit nur die Grenzen der Leistungsfähigkeit totalitärer Zentralverwaltungswirtschaften aufgezeigt worden sind, dass die eben angeführte Evidenz nichts darüber aussagt, wie gut oder schlecht ein dritter Weg zwischen ungezügeltem Kapitalismus einerseits und totalitärem realem Sozialismus ist, etwa ein sozialdemokratisch gebändigter Kapitalismus. Meine Skizze von Hayeks Theorie impliziert, dass mehr wirtschaftliche Freiheit immer zu mehr Wohlstand und Wachstum führt als weniger Freiheit, dass demokratischer Sozialismus zwar ein kleineres Übel als totalitäre Zentralverwaltungswirtschaft ist, aber immer noch die wirtschaftliche Freiheit zu sehr beschneidet, aber immer noch die Vergeudung von Wissen impliziert. Um weltweite Vergleiche zwischen Wirtschaftssystemen zu ermöglichen, haben liberale Institute auf der ganzen Welt – vor allem das kanadische Fraser Institute, das amerikanische CATO Institute, auch das deutsche Friedrich-Naumann-Institut – bei der Erstellung eines wirtschaftlichen Freiheitsindexes zusammengearbeitet. Eine Volkswirtschaft gilt nach dem Index als umso freier, je niedriger die Staatsquoten sind, je sicherer die Eigentumsrechte von Individuen und Unternehmen vor staatlichen Übergriffen sind, je weniger die Arbeitsmärkte vom Staat reguliert werden, je weniger der Staat durch eine inflationäre Politik die Menschen heimlich enteignet, je weniger der Staat durch Handelsschranken fremde Anbieter vom heimischen Markt fernhält (Gwartney et al. 2013). Der Schwerpunkt des Indexes liegt dabei darauf, staatliche Freiheitsbeschränkungen zu erfassen. Es geht weniger darum, die Möglichkeiten privaten Machtmissbrauchs zu erfassen. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass privater Machtmissbrauch gern staatliche
Unterstützung sucht und nicht selten findet, dass etwa Freihandel nationale Monopole und Kartelle und deren Machtmissbrauch aufbrechen kann.
Wenn die an Hayek anknüpfende Theorieskizze richtig ist, dann sollte man erwarten, dass wirtschaftlich freie Länder (operational über den Index erfasst) wohlhabender sind (operational über das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf erfasst) und schneller wachsen. Von der kausalen Theorie darf man zwar Erwartungen über Korrelationen ableiten, aber man muss wissen, dass immer auch alternative Erklärungen für eine Korrelation möglich sind. Die Korrelation zwischen Wohlstand und wirtschaftlicher Freiheit muss nicht deshalb zustande kommen, weil Freiheit zu Wohlstand führt. Denkbar wäre auch, dass Wohlstand Voraussetzung für die Durchsetzbarkeit wirtschaftlicher Freiheit ist. Die einfachste Möglichkeit, um derartige Einwände zu entkräften, besteht darin, dass man die behauptete Ursache (hier: wirtschaftliche Freiheit) vor der behaupteten Wirkung (hier: Wohlstand oder Wachstum) erfasst. Denkbar ist auch immer, dass Drittvariablen für eine Korrelation verantwortlich sind. Vielleicht lassen sich bei einer besser ausgebildeten Bevölkerung (im Jargon der Ökonomen: besser mit Humankapital ausgestatteten Volkswirtschaft) leichter wirtschaftliche Freiheiten durchsetzen und außerdem Wohlstand und Wachstum erreichen.
An dieser Stelle will ich die Andeutung der technischen Probleme ökonometrischer Forschung abbrechen und nur zusammenfassend feststellen, dass der Streit unter Fachleuten vor allem noch darum geht, ob wirtschaftliche Freiheit als Ausgangsniveau oder als Verbesserung der Freiheit die stärkere Determinante von Wirtschaftswachstum und damit auf lange Sicht von Wohlstand ist. Außerdem gilt, dass nicht nur die Durchschnittseinkommen, sondern auch die des ärmsten Zehntels der Bevölkerung mit zunehmender wirtschaftlicher Freiheit steigen, dass aber kein Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Freiheit (Synonym für Kapitalismus) und Ungleichheit besteht. Ohne die offensichtliche Tatsache ungleicher Markteinkommen und noch ungleicherer Vermögen in freien oder kapitalistischen Wirtschaften und in sehr vielen Gesellschaften sogar die Zunahme der Ungleichheit (Bourguignon 2015) bestreiten zu wollen, widersprechen
die (zuletzt von Weede 2014 zusammengefassten) empirischen Befunde der These diametral, dass der Kapitalismus mit mehr Ungleichheit als andere Systeme und Ausbeutung der Ärmsten verbunden ist. Nicht Hayeks Theorie, die die Produktivität der wirtschaftlichen Freiheit behauptet, sondern sozialistische Hoffnungen werden durch die beobachtbaren Zusammenhänge widerlegt.
Oben ist in Anlehnung an Hayek auch die These vertreten worden, dass wirtschaftliche Freiheit nicht nur denen nützt, die sie dank begrenzter Staatstätigkeit genießen dürfen, sondern auch denen, deren Regierung sie ihnen vorenthält bzw. nur in geringem Ausmaß zugesteht. Nach der oben entwickelten Theorieskizze gilt ja, dass wirtschaftliche Freiheit produktiv ist, dass der Westen deswegen reicher als der Rest der Welt ist. Von einigen Ölländern mit wenig Bevölkerung kann abgesehen werden, weil dort der Reichtum nicht erarbeitet werden muss. Die Eingrenzung der Staatstätigkeit im Westen und die Durchsetzung der wirtschaftlichen Freiheit im Westen hat bis zum 19. Jahrhundert die Durchsetzung einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung erlaubt und danach die erstmalige Überwindung der Massenarmut. Die wirtschaftliche Freiheit des Westens ist die Voraussetzung dafür, dass Entwicklungsländer heute schneller wachsen können als die westlichen Länder damals wachsen konnten, als sie ungefähr auf dem Niveau heutiger Entwicklungsländer waren. Entwicklungsländer können auch schneller wachsen als fortgeschrittene oder reiche Länder, die neue Produktionstechnologien oder Organisationsmodelle für Unternehmen ja selbst erfinden müssen statt sie von fremden Vorbildern übernehmen zu können. Je unterentwickelter, rückständiger oder ärmer ein Land ist, desto eher genießt es Vorteile der Rückständigkeit und kann entsprechend wachsen. Das ist einer der am besten abgesicherte Befund der ökonometrischen und international vergleichenden Wachstumsforschung (Bleaney und Nishiyama 2002; Sala-i-Martin et al. 2004; Weede 2006). Dass die Vorteile der Rückständigkeit in den letzten Jahren abzunehmen scheinen, ändert nichts daran.
Wachstumschancen sind noch kein Wachstum. Inkompetente Wirtschaftspolitik (Enteignungen, Inflation, Korruption), wie beispielsweise unter Mugabe in Zimbabwe, kann sogar negative Wachstumsraten erreichen. Vor allem ostasiatische Volkswirtschaften – zunächst Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur, dann Thailand und Malaysia, seit 1979 China, später auch Vietnam – haben durch exportorientiertes Wachstum ihren Lebensstandard gewaltig verbessern und vereinzelt sogar den Westen schon einholen können. Eigentlich gibt es nicht nur einen einfachen Vorteil der Rückständigkeit, sondern einen doppelten. Denn die armen Länder können nicht nur dank der Existenz von Freiheit und Wohlstand im Westen schneller als der Westen früher oder heute wachsen. Sie können auch von der medizinischen Forschung im Westen profitieren, weshalb die Menschen heute schon in halbwegs gut regierten Ländern (wie China oder Vietnam, nicht aber Nordkorea) wesentlich älter werden als die Europäer früher bei gleichem kaufkraftbereinigten Einkommen. Die Lebenserwartung der Menschen hat sich wegen der Diffusion medizinischer Kenntnisse vom Westen in den Rest der Welt weltweit zunehmend angenähert (Becker et al. 2005). Auch Hayeks Hypothese, dass unfreie Gesellschaften von der Freiheit anderswo profitieren hat sich empirisch bewährt. Um die Vorteile der Rückständigkeit zu erklären, muss man die Hayeksche Theorie nur mit der plausiblen Zusatzannahme anreichern, dass Imitation schneller, billiger und leichter ist als eigene Innovation oder Beiträge zum technologischen Fortschritt.
Weil hier die Vorteile der Rückständigkeit für Entwicklungsländer als externer Effekt der westlichen Freiheit und des westlichen Wohlstands aufgefasst werden, weil hier die Ungleichheit der Pro-Kopf-Einkommen zwischen den Ländern als Voraussetzung für die Vorteile der Rückständigkeit und Wachstumschancen der Entwicklungsländer gilt, soll noch – über Hayek hinausgehend, aber mit einen Auffassungen kompatibel – skizziert werden, warum sich Grenzen der Staatstätigkeit bzw. wirtschaftliche Freiheit für die Untertanen in Europa und dem Westen schon vor der Demokratie langsam durchsetzen ließen.25 Vor ungefähr tausend Jahren war Westeuropa technologisch, wissenschaftlich und wirtschaftlich weniger entwickelt als große Teile Asiens. Für manche Universalhistoriker ist unser Mittelalter das Zeitalter der chinesischen Suprematie. Noch vor fünfhundert Jahren, im Zeitalter der Renaissance, waren China, Indien, der islamische Raum und Westeuropa annähernd gleichermaßen entwickelt.
Der bedeutsamste Unterschied zwischen Europa und den asiatischen Hochkulturen war die Großflächigkeit asiatischer und die Kleinflächigkeit europäischer politischer Einheiten. Während die chinesische Zivilisation in langen Phasen ihrer Geschichte in einem Kaiserreich geeint war, herrschte in Europa Kleinflächigkeit. Da gab es Kleinstaaten, wie die Niederlande, die Schweiz, Württemberg oder Sachsen. Je großflächiger ein Staat ist, desto geringer sind die Exit-Chancen der Untertanen. Reiche Kaufleute konnten in Europa die Herrschaftsgebiete besonders räuberischer Fürsten umgehen. Das zwang die europäischen Herrscher zu einer gewissen Anerkennung der Eigentumsrechte der Untertanen, während asiatische Herrscher ihren konfiskatorischen Neigungen freien Lauf lassen konnten. Europäische Herrscher waren nicht besser oder tugendhafter als die asiatischen, aber ihre Rivalität unter einander und die Kleinflächigkeit ihrer Herrschaftsgebiete zwang sie zur Rücksichtnahme auf die Untertanen und deren Eigentumsrechte. Außerdem begrenzte die Kleinflächigkeit europäischer Staaten verglichen mit asiatischen Großreichen die Reichweite obrigkeitlicher Fehlentscheidungen.
Die territoriale Zersplitterung in Europa wurde ergänzt durch die Existenz freier und wehrhafter Städte, die es in Asien nicht gab und die sogar entlaufenen Leibeigenen eine Exit-Chance gaben. Außerdem trug zuerst die Rivalität zwischen Kaiser und Papst und nach der Reformation die Spaltung des Christentums in mehrere Kirchen und Sekten dazu bei, dass in Europa keine kontinentale und geeinte herrschende Klasse entstehen konnte. Kurz: Europas Uneinigkeit hat zwar zu einer Vielzahl von blutigen Kriegen beigetragen, aber auch die herrschenden Klassen gezwungen, Eigentumsrechte der Untertanen anzuerkennen und ihnen zunehmend Freiheitsrechte zuzugestehen. Kleinflächigkeit und Rivalität der Fürstentümer war Vorläufer von und Anstoß zur Gewaltenteilung und Entstehung von Rechtsstaaten. Wie nach der Hayekschen Evolutionstheorie zu erwarten, hat sich in Europa mehr als anderswo Freiheit ergeben, aber niemand hatte die Ausweitung der Freiheit geplant. Auch Europas Obrigkeiten hätten lieber Untertanen behalten als ihnen Freiheitsrechte zuzugestehen.
Weil Hayek ein Kritiker eines zu weit gehenden Steuer-, Umverteilungs- und Sozialstaates war, kann man auch die Frage stellen, ob seine Skepsis gegenüber wachsenden Steuerlastquoten, wachsenden Staatsausgaben und wachsender sozialer Umverteilung im Westen mit beobachtbaren Tatsachen und empirischen Studien kompatibel ist. Die zeigen, dass das Paket hoher Steuersätze, hoher Staatsausgaben und hoher Sozialleistungen zur Verlangsamung des Wirtschaftswachstums beiträgt. Der Economist (2013, S. 16, meine Übersetzung) fasste kürzlich den Zusammenhang in folgender Faustregel so zusammen: “Eine Zunahme der Steuereinnahmen um einen Anteil von 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hängt meist mit einem Rückgang der jährlichen Wachstumsrate
von einem halben bis einem Prozent zusammen.“ Wieder hat sich Hayeks freiheitliche Theorie bewährt.

III. Eine Theorie ohne Anomalien?

Meine vielen Verweise auf die Bewährung von Hayeks Theorie in der Wirtschaftsgeschichte oder Ökonometrie legen den Einwand nahe, dass – wie manche Wissenschaftstheoretiker (Kuhn 1976; Lakatos 1974) sagen – alle Theorien mit Anomalien zu kämpfen haben oder gar falsifiziert sind, dass wir also nicht die einfache Wahl zwischen haltbaren und falsifizierten Theorien haben, sondern die viel schwierigere Wahl unter mehr oder weniger mangelhaften Theorien. Was sind also die Schwächen eines von Hayek inspirierten Welt- und Gesellschaftsbildes? Da will ich zwei nennen: Möglicherweise überschätzen Hayek und die meisten Institutionenökonomen die Bedeutung sicherer Eigentums- und Verfügungsrechte, auch des Rechtsstaates. Wenn man das enorme Wirtschaftswachstums Chinas seit 35 Jahren bei gleichzeitig gravierenden Defiziten des Rechtsstaates und großen Löchern im Eigentumsschutz bedenkt, dann müssen Zweifel aufkommen. Weil in der chinesischen Zivilisation das Recht nie eine vergleichbare Rolle wie in der westlichen Zivilisation spielte, kann man aus dem chinesischen Wachstum fast ohne Rechtsstaat allerdings nicht schließen, dass der Westen genauso gut wie die Chinesen ohne Rechtsstaat auskäme. Die zweite Anomalie, die mich irritiert, ergibt sich aus dem Vergleich von Effekten in ökonometrischen Studien. Es ist schon erstaunlich, dass die Effekte der Freiheit der Anderen bzw. der Vorteile der Rückständigkeit so viel stärker als die der eigenen Freiheit sind. Das ist zwar keine Falsifikation, aber eine Irritation oder Anomalie ist es schon.


 

Literatur

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