Beiträge, Ordnungspolitischer Kommentar

Von Clemens Recker

In vielen Bereichen des Handwerks warten Kunden teilweise mehrere Wochen auf einen Termin. Dennoch fehlt in vielen handwerklichen Berufen der Nachwuchs. Interessensverbände und Teile der Politik machen auch die Teilabschaffung der Meisterplicht für die Nachwuchssorgen verantwortlich und fordern eine Rückabwicklung der Reform. Was ist dran an diesem Argument?

Der Meisterbrief ist nur noch in einem Teil des Handwerks Voraussetzung zur Selbstständigkeit

Seit der Reform der Handwerksordnung (HWO) im Jahr 2004 ist der Meisterbrief nicht mehr in allen Handwerken die Voraussetzung zur Selbstständigkeit. Anlage A der HWO umfasst alle Handwerke, für die eine erfolgreiche Meisterprüfung weiterhin Voraussetzung zur Selbstständigkeit ist („A-Handwerk“). Ausnahmen sind für Gesellen möglich, die Berufserfahrung in leitender Position und weitere vergleichbare Qualifikationen nachweisen können. Anlage B1 nennt alle Handwerke, in denen die Meisterprüfung freiwillig abgelegt werden kann („B-Handwerk“). Die Ausbildung neuer Gesellen darf sowohl im A- als auch im B-Handwerk weiterhin nur in meister-geführten Betrieben erfolgen. Die Einteilung in A- und B-Handwerk hat der Gesetzgeber vorrangig anhand einer Gefahrenbewertung vorgenommen. Demnach sind die Tätigkeiten der meisterpflichtigen A-Handwerke mit einem besonders hohen Maß an potenziellen Gefahren assoziiert. Die jeweilige Eingruppierung der Handwerkszweige war Gegenstand ausgeprägter politischer Auseinandersetzungen. Gemessen am gesamten Marktvolumen wurden letztlich ungefähr 90 Prozent des Handwerks dem gefahrengeneigten A-Handwerk zugeordnet.

Ein gutes Argument für die Meisterpflicht ist das Ziel der Gefahrenabwehr …

In der Tat kann von einigen handwerklichen Tätigkeiten bei unsachgemäßer Ausführung eine besonders große Ge-fahr ausgehen. Einige Beispiele sind Arbeiten an Elektro- oder Gasinstallationen, die Errichtung tragender Mauern oder Dachdeckerarbeiten. Die verpflichtende Meisteraus-bildung des Betriebsinhabers soll diese Gefahren zumin-dest mittelbar minimieren, in dem sie den Inhaber in die Lage versetzt, Gefahren zu erkennen und eigene Mitarbei-ter fortlaufend zu instruieren und zu beaufsichtigen. Wäre von den potenziellen Gefahren nur der jeweilige Auftrag-geber betroffen, könnte man diesem womöglich die Wahl überlassen, ob er einen Meisterbetrieb oder einen tenden-ziell günstigeren Handwerker ohne entsprechenden Quali-fikationsnachweis wählt. Allerdings sind regelmäßig auch unbeteiligte Dritte von möglichen Gefahren unsachgemäß ausgeführter Arbeiten betroffen (z.B. Passanten durch herabstürzende Dachziegel), die durch den Meisterzwang ebenfalls geschützt werden sollen. Im Sinne einer präven-tiven Gefahrenabwehr finden sich daher gute Argumente für eine verpflichtende Mindestqualifikation bei gefah-rengeneigten Arbeiten, die darüber hinaus bestehende Haftungsregeln sinnvoll ergänzen können.

… während das Argument der Verdrängung hoher Qualität wenig stichhaltig ist.

Ein anderes Argument stellt darauf ab, dass bei ungleich verteilten Informationen zwischen Anbietern und Nachfragern gute Qualität vom Markt verdrängt werden könnte: Sofern die Nachfrager eine fachmännisch ausgeführte Arbeit von einer minderwertigen Leistung nicht unterscheiden können, wären sie nicht bereit für überdurchschnittliche Qualität zu zahlen. Daher könnten hochwertige Dienstleistungen nicht mehr kostendeckend angeboten werden und würden vom Markt verdrängt. Ein anerkannter Meisterbrief soll als Qualitätssignal dienen und die Zahlungsbereitschaft auch für hochwertige Arbeiten sichern. Allerdings ist diese Signalfunktion auch dann gewährleistet, wenn Handwerksbetriebe den Meisterbrief optional als Qualitätsindikator bzw. Unterscheidungsmerkmal nutzen können, wie es im B-Handwerk der Fall ist. Durch den optionalen Meisterbrief entsteht für den Kunden im nicht gefahrengeneigten B-Handwerk zudem die Wahlmöglichkeit, ob er beispielsweise im Fall des Parkettlegerhandwerks für einen neuen Bodenbelag auf einem bewährten Meisterbetrieb oder einen Quereinsteiger ohne entsprechende Reputation zugreift. Im ersten Fall kommt die erhoffte höhere Qualität regelmäßig auch zu einem höheren Preis, die Preisersparnis im zweiten Fall geht womöglich mit einer etwas unsauberen Ausführung und dem höheres Risiko einher, dass der Quereinsteiger vor Ablauf möglicher Gewährleistungspflichten vom Markt verschwunden sein könnte.

Rückläufige Ausbildungszahlen im B-Handwerk als alternatives Argument für die Meisterpflicht?

Die Gefahrenabwehr und die Sicherung hoher Qualität sind im nicht gefahrengeneigten B-Handwerk keine guten Argumente zur Wiedereinführung der Meisterpflicht. Vielleicht verweisen Befürworter auch daher verstärkt auf einen möglichen Zusammenhang zwischen rückläufigen Ausbildungszahlen und der Abschaffung der Meisterplicht. Das zentrale Argument für diesen möglichen Zusammenhang ist der Attraktivitätsverlust gegenüber dem weiterhin meisterpflichtigen A-Handwerk. Als Gründe für die geringere Attraktivität werden unter anderem Reputationsverluste als vermeintliches Handwerk „Zweiter-Klasse“ sowie die stärkere Preiskonkurrenz (zugunsten
der Nachfrager) im Zuge der Marktöffnung für Nicht-Meisterbetriebe genannt. Wettbewerbspolitisch lassen sich kaum stichhaltige Argumente für eine Berufsbeschränkung zur bloßen Sicherung des Auskommens der Anbieter bzw. zur „Attraktivitätssteigerung“ konstruieren. Spannend ist aber auch, ob der diskutierte Zusammenhang
überhaupt besteht.

Absolventenzahlen deuten bisher nicht auf Zusammenhang zwischen Nachwuchs und Meisterpflicht hin

Die Statistik des Zentralverbands des deutschen Handwerks zeigt, dass in den Jahren nach der Reform die Anzahl an abgeschlossenen Gesellen- und Abschlussprüfungen im B-Handwerk von 6.322 Absolventen im Jahr 2005 auf 4.067 Absolventen im Jahr 2017 gesunken ist. (Das Jahr 2005 bietet sich als Referenz an, da die Reform hier frühestens einen plausiblen Einfluss auf die Absolventenzahlen gehabt haben kann. Eine spätere Referenz (z.B. 2006) verändert die Befunde nicht.)