Beiträge

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.1971, S. 13

 

Zur gleichen Zeit, da das Buch „Der Weg zur Knechtschaft“ (Verlag Moderne Industrie) von Friedrich A. von Hayek in der Bundesrepublik neu aufgelegt wird, erscheint nun auch zum erstenmal eine deutsche Übersetzung von „The Constitution of Liberty“ unter dem Titel „Die Verfassung der Freiheit“ bei J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen. Zwischen der Ersterscheinung dieser beiden Werke (1944 und 1961) hat der bereits in den dreißiger Jahren berühmte Nationalökonom seinen engeren Fachbereich immer weiter hinter sich gelassen und ist in die „Sozialphilosophie“ vorgestoßen in der Erkenntnis, „daß die Antworten auf viele der dringlichen sozialen Fragen unserer Zeit schließlich in der Anerkennung von Grundsätzen zu finden sind, die außerhalb des Bereichs der technischen Volkswirtschaftslehre oder irgendeiner Einzeldisziplin liegen“. Er ist davon überzeugt, „daß kein menschlicher Verstand all das Wissen umfassen kann, das das Handeln der Gesellschaft lenkt, und daß daher ein unpersönlicher, nicht vom individuellen Urteil abhängiger Mechanismus erforderlich ist, der die individuellen Bemühungen koordiniert“. Diese Sätze aus der Einleitung führen ein in die Grundsätze einer „Philosophie der Freiheit“, die Gegenstand des Buches ist. Dabei ist für Hayek Freiheit eine Situation der Menschen, in der Zwang so weit herabgemindert ist, als dies im Gesellschaftsleben möglich ist. Hayek bedient sich eher einer kühlen Sprache, gerade weil er zeigen will, „daß Freiheit nicht bloß ein besonderer Wert ist, sondern daß sie die Quelle und die Vorbedingung für die meisten moralischen Werte ist“. Es könnte manchmal sogar fast so scheinen, als sei Freiheit einfach deswegen zweckmäßig, weil die Beschränktheit der menschlichen Natur, besonders der begrenzte Horizont von Wissen, für alle am besten dadurch genutzt wird, daß jeder sich frei anpassen kann. Entwicklung der Zivilisation ist daher das Ergebnis des Experimentierens aller, nicht der Plan einiger weniger, die – banal ausgedrückt – die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben vorgeben. Das Buch beschreibt einen weiten Bogen von den grundlegenden Fragen der Sozialphilosophie über die Einrichtungen, die die westliche Welt zur Sicherung der persönlichen Freiheit geschaffen hat, bis zur Anwendung der Grundsätze auf kritische wirtschaftliche und soziale Fragen unserer Zeit. Es ist infolgedessen ein politisches Buch in dem Sinne, daß es Stellung bezieht in einer Zeit, in der die politische Philosophie den Marxisten überlassen zu sein scheint. Hayeks politische Position eines modernen Liberalen – oder eines „Old Whig“, wie er sich selbst bezeichnet – wird im Nachwort deutlich, aus dem nachstehend ein Teil abgedruckt wird:

 

 

In einer Zeit, da die meisten fortschrittlich genannten Bewegungen mehr Eingriffe in die individuelle Freiheit befürworten, sind jene, die die Freiheit schätzen, leicht versucht, ihre Kräfte auf Widerspruch auszugeben. Darin finden sie sich meistens auf der Seite jener, die immer gegen Veränderungen Widerstand leisten. In Fragen der Tagespolitik bleibt ihnen gewöhnlich nichts anderes übrig, als die konservativen Parteien zu unterstützen. Es liegt eine Gefahr in diesen unklaren Verhältnissen, die die Verteidiger der Freiheit und die echten Konservativen in gemeinsamer Gegnerschaft gegen Entwicklungen zusammenführt, die ihre verschiedenen Ideale gleichermaßen bedrohen. Es ist daher wichtig, die hier vertretene Position von der anderen klar zu trennen, die lange – und vielleicht passender – als Konservativismus bekannt war.

 

Der eigentliche Konservativismus ist eine legitime, wahrscheinlich notwendige und sicherlich weit verbreitete gegnerische Einstellung zu starken Veränderungen. Er hat seit der Französischen Revolution anderthalb Jahrhunderte lang in der europäischen Politik eine wichtige Rolle gespielt. Bis zum Aufstieg des Sozialismus war sein Gegensatz der Liberalismus. In der Geschichte der Vereinigten Staaten -gibt es nichts Entsprechendes zu diesem Gegensatz, weil das, was in Europa „Liberalismus“ genannt wurde, dort die gemeinsame Tradition war, auf der die amerikanische Verfassung aufgebaut worden war: Daher war der Verteidiger der amerikanischen Tradition ein Liberaler im europäischen Sinn.

 

Diese schon bestehende Unklarheit wurde noch schlimmer, als in letzter Zeit versucht wurde, den europäischen Konservativismus nach Amerika zu übertragen, wo er, der amerikanischen Tradition fremd, einen etwas merkwürdigen Charakter annahm. Und einige Zeit vorher hatten die amerikanischen Radikalen und Sozialisten begonnen, sich „Liberale“ zu nennen. Trotzdem will ich im Augenblick die Position weiter liberal nennen, die ich einnehme und die, wie ich glaube, sich vom wahren Konservativismus ebenso stark unterscheidet wie vom Sozialismus. Ich möchte jedoch gleich bemerken, daß ich das mit wachsendem Zweifel tue, und ich werde später betrachten müssen, welches der geeignete Name für die Partei der Freiheit wäre. Der Grund ist nicht nur, daß das Wort „liberal“ in den Vereinigten Staaten der Anlaß zu dauernden Mißverständnissen ist, sondern auch, daß in Europa der vorherrschende rationalistische Liberalismus lange Zeit einer der Wegbereiter für den Sozialismus war.

 

Zunächst möchte ich darlegen, was mir der entscheidende Einwand gegen jeden Konservativismus, der diesen Namen verdient, zu sein scheint. Es ist, daß er seiner ganzen Natur nach keine Alternative bieten kann zu der Richtung, in der wir uns bewegen. Es mag ihm gelingen, durch seinen Widerstand gegen die bestehenden Tendenzen unerwünschte Entwicklungen zu verlangsamen, aber da er keine andere Richtung anzeigt, kann er ihre Weiterentwicklung nicht aufhalten. Es war aus diesem Grund immer das Schicksal des Konservatismus, auf einem nicht selbst gewählten Weg mitgeschleppt zu werden.

 

Das Tauziehen zwischen Konservativen und Progressiven kann daher nur auf die Geschwindigkeit, nicht auf die Richtung gegenwärtiger Entwicklungen wirken. Doch wenn auch eine „Bremse am Fahrzeug des Fortschritts“ notwendig ist, kann ich mich persönlich nicht damit zufriedengeben, die Bremsen anziehen zu helfen. Was der Liberale zuallererst fragen muß, ist nicht, wie schnell oder wie weit, sondern wohin wir uns bewegen sollen. Tatsächlich unterscheidet er sich von dem kollektivistischen Radikalen von heute viel mehr als der Konservative. Während der Konservative einfach eine milde und gemäßigte Version der Vorurteile seiner Zeit hat, muß der Liberale heute einigen der grundlegenden Ansichten, die die meisten Konservativen mit den Sozialisten teilen, positiver entgegentreten.

 

Das Bild, das von den relativen Positionen der drei Parteien allgemein gegeben wird, trägt mehr zur Unklarheit als zur Klärung ihrer wahren Beziehungen bei. Sie werden gewöhnlich als verschiedene Positionen auf einer Linie dargestellt, die Sozialisten links, die Konservativen rechts und die Liberalen ungefähr in der Mitte. Nichts könnte irreführender sein. Wenn wir ein Diagramm haben wollen, wäre es entsprechender, sie in einem Dreieck anzuordnen, in dem die Konservativen eine Ecke einnehmen und die Sozialisten nach der zweiten und die Liberalen nach der dritten Ecke ziehen. Da aber die Sozialisten lange imstande waren, kräftiger zu ziehen, hatten die Konservativen die Tendenz, eher in der sozialistischen als in der liberalen Richtung zu folgen, und sie haben in angemessenen zeitlichen Abständen jene durch eine radikale Propaganda achtbar gemachten Ideen übernommen. Es waren immer die Konservativen, die dem Sozialismus Zugeständnisse gemacht haben und ihm zuvorkamen. Als Befürworter des „Wegs der Mitte“, ohne eigenes Ziel, waren die Konservativen von dem Glauben geleitet, daß die Wahrheit zwischen den Extremen liegen muß – mit dem Ergebnis, daß sie ihre Position verschoben, sooft sich an einem der Flügel eine extremere Bewegung zeigte.

 

Mut und Zuversicht für das Neue

 

Der Standpunkt, der zu irgendeiner Zeit mit Recht konservativ genannt werden kann, hängt daher von den bestehenden Tendenzen ab. Da die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten allgemein in der Richtung zum Sozialismus ging, mag es scheinen, daß sowohl die Konservativen als auch die Liberalen hauptsächlich bestrebt waren, diese Entwicklung aufzuhalten. Das Wesentliche des Liberalismus ist jedoch, daß er nicht stillstehen, sondern in anderer Richtung fortschreiten will. Obwohl heute dadurch, daß der Liberalismus früher einmal allgemeiner anerkannt und der Erreichung einiger seiner Ziele näher war, der entgegengesetzte Eindruck bestehen kann, war er niemals eine auf die Vergangenheit gerichtete Lehre. Es hat nie eine Zeit gegeben, in der die liberalen Ideale ganz verwirklicht gewesen wären und der Liberalismus aufgehört hätte, auf weitere Verbesserung der Einrichtungen zu hoffen. Der Liberalismus ist nicht gegen Entwicklung und Veränderung; und wo spontane Änderungen durch staatliche Eingriffe unterdrückt wurden, verlangt er sogar sehr viel Änderung der Politik. Was die gegenwärtige Regierungstätigkeit betrifft, hat der Liberale sehr wenig Grund zu wünschen, daß die Dinge bleiben, wie sie sind. Dem Liberalen scheint es im Gegenteil in den meisten Teilen der Welt das Dringendste zu sein, mit den Hindernissen für eine freie Entwicklung gründlich aufzuräumen.

 

Bevor ich zu den Hauptpunkten übergehe, in denen die liberale Einstellung in scharfem Gegensatz zur konservativen steht, sollte ich betonen, daß es vieles gibt, das der Liberale mit Gewinn aus der Arbeit mancher konservativer Denker gelernt haben könnte. Ihrem loyalen und hingebungsvollen Studium des Wertes sich entwickelnder Institutionen verdanken wir (zumindest außerhalb des Gebietes der Nationalökonomie) einige gründliche Einsichten, die wirkliche Beiträge zu unserem Verständnis einer freien Gesellschaft darstellen. So politisch reaktionär Gestalten wie Coleridge, Bonald, De Maistre, Justus Moser oder Donoso Cortès auch gewesen sein mögen, sie zeigten ein Verständnis der Bedeutung spontan entstandener Institutionen wie Sprache, Recht, Moral und Konventionen, die moderne wissenschaftliche Verfahren vorwegnahmen und aus denen die Liberalen hätten lernen können. Aber die Bewunderung der Konservativen für freies Wachstum gilt immer nur der Vergangenheit. Es mangelt ihnen bezeichnenderweise der Mut, dieselbe ungeplante Veränderung zu begrüßen, aus der neue Mittel menschlichen Bemühens entstehen.

 

Das führt mich zu dem ersten Punkt, in dem die konservative und die liberale Einstellung grundlegend verschieden sind. Wie von konservativen Schriftstellern oft bestätigt wurde, ist einer der Grundzüge der konservativen Einstellung eine Furcht vor Veränderungen, ein ängstliches Mißtrauen gegen das Neue als solches, während der liberale Standpunkt auf Mut und Zuversicht beruht, auf einer Bereitschaft, der Veränderung ihren Lauf zu lassen, auch wenn wir nicht voraussagen können, wohin sie führen wird. Es wäre nicht viel einzuwenden, wenn die Konservativen nur eine zu schnelle Änderung der Einrichtungen und der Politik ablehnen würden; hier ist tatsächlich aller Grund zu Vorsicht und langsamem Vorgehen vorhanden. Aber die Konservativen sind geneigt, die Staatsgewalt einzusetzen, um Veränderungen zu verhindern oder ihr Tempo so zu verlangsamen, daß es auch dem ängstlicheren Gemüt zusagt. Im Blick auf die Zukunft fehlt ihnen das Vertrauen auf die spontanen Kräfte der Anpassung, mit dem der Liberale ohne Besorgnis Veränderungen aufnimmt, obwohl er nicht weiß, wie die notwendigen Anpassungen zustande kommen werden.

 

Es gehört einfach zu der liberalen Einstellung, anzunehmen, daß insbesondere im Wirtschaftlichen die selbstregelnden Kräfte des Marktes auf irgendeine Weise die erforderlichen Anpassungen an neue Verhältnisse hervorbringen werden, wenn auch niemand voraussagen kann, wie sie das im einzelnen Fall bewerkstelligen. Vielleicht trägt kein anderer einzelner Faktor so sehr zu dem häufigen Widerstand der Menschen bei, den Markt wirken zu lassen, wie ihre Unfähigkeit, sich vorzustellen, auf welche Weise sich ein notwendiges Gleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot, zwischen Ausfuhr und Einfuhr oder ähnlichem ohne bewußte Lenkung herstellen wird. Der Konservative fühlt sich nur sicher und zufrieden, wenn er gewiß sein kann, daß eine höhere Weisheit die Veränderungen beobachtet und überwacht, und wenn er weiß, daß eine Behörde den Auftrag hat, die Veränderung „in Ordnung“ zu halten.

 

Diese Scheu, ungelenkten sozialen Kräften zu vertrauen, steht in engem Zusammenhang mit zwei anderen Wesenszügen des Konservativismus: seiner Vorliebe für Autorität und seinem Mangel an Verständnis der Wirtschaftskräfte. Da er sowohl abstrakten Theorien als auch allgemeinen Grundsätzen mißtraut, versteht er weder jene spontanen Kräfte, auf denen eine Politik der Freiheit beruht, noch besitzt er eine Grundlage zur Formulierung von Prinzipien der Politik. Ordnung erscheint dem Konservativen als das Ergebnis ständiger Pflege durch die Behörde, die zu diesem Zweck die Befugnis haben muß, zu tun, was unter den besonderen Umständen erforderlich ist, und nicht durch strenge Regeln gebunden sein darf.

 

Eine Bindung an Prinzipien setzt ein Verständnis für die allgemeinen Kräfte voraus, durch die die Bemühungen der Gesellschaft koordiniert werden, aber gerade eine solche Theorie der Gesellschaft und besonders des Wirtschaftsmechanismus fehlt dem Konservativismus in auffallender Weise. Der Konservativismus war so unfähig, eine allgemeine Vorstellung darüber zu bilden, wie sich eine soziale Ordnung erhält, daß sich seine modernen Anhänger bei dem Versuch, eine theoretische Grundlage aufzubauen, fast ausschließlich auf Autoren berufen, die sich als Liberale betrachteten. Macauly, Tocqueville, Lord Acton und Lecky betrachteten sich sicherlich als Liberale, und das mit Recht; und selbst Edmund Burke blieb bis zum Ende ein Old Whig und würde bei dem Gedanken geschaudert haben, für einen Tory gehalten zu werden.

 

Moral rechtfertigt keinen Zwang

 

Nun muß ich aber auf meinen Hauptpunkt zurückkommen – das ist die charakteristische Unbesorgtheit des Konservativen gegenüber den Maßnahmen der eingesetzten Behörde und seine vornehmliche Sorge, daß diese Behörde nicht geschwächt wird, anstatt dafür zu sorgen, daß ihre Macht in Schranken gehalten wird. Das ist mit der Erhaltung der Freiheit schwer zu vereinbaren. Im allgemeinen kann man wohl sagen, daß der Konservative nichts gegen Zwang oder „Willkür einzuwenden hat, solange diese für Zwecke ausgeübt werden, die ihm die richtigen scheinen. Er meint, wenn die Regierung in den Händen achtbarer Männer liegt, sie nicht allzusehr durch strenge Regeln eingeschränkt werden sollte. Da er im wesentlichen ein Opportunist ist und keine Prinzipien er hat, muß seine Hoffnung hauptsächlich darin bestehen, daß die Weisen und Guten regieren werden – nicht nur durch ihr Beispiel, wie wir alle wünschen müssen, sondern durch die Autorität, die ihnen verliehen ist und die von ihnen durchgesetzt wird. Wie der Sozialist ist er weniger damit befaßt, wie die Macht der Regierung beschränkt werden soll, als wer sie ausübt; und wie der Sozialist hält er sich für berechtigt, seine Wertsetzungen auch anderen Leuten aufzuzwingen.

 

Mit meiner Behauptung, daß der Konservative keine Prinzipien hat, will ich nicht sagen, daß er keine moralische Überzeugung hat. Der typische Konservative ist im Gegenteil gewöhnlich ein Mann von sehr starken moralischen Überzeugungen. Was ich meine, ist, daß er keine politischen Prinzipien hat, die es ihm ermöglichen, mit Leuten, die andere moralische Ansichten haben als er, an einer politischen Ordnung zu arbeiten, in der beide ihren Überzeugungen folgen können. Es ist die Anerkennung solcher Prinzipien, die das Nebeneinanderbestehen verschiedener Wertsysteme erlaubt und es möglich macht, mit einem Minimum an Gewalt eine friedliche Gesellschaft aufzubauen. Die Anerkennung solcher Prinzipien heißt, daß wir bereit sind, viel zu dulden, was uns nicht liegt. Es gibt viele Wertsetzungen der Konservativen, die mich mehr ansprechen als die der Sozialisten; aber für einen Liberalen bildet die Bedeutung, die er persönlich bestimmten Zielen beimißt, keine hinreichende Rechtfertigung, andere zu zwingen, ihnen zu dienen.

 

Ich habe nicht viel Zweifel, daß manche meiner konservativen Freunde über die „Zugeständnisse“ entsetzt sein werden, die ich, wie sie meinen werden, im dritten Teil dieses Buches den modernen Ansichten gemacht habe. Doch wenn mir auch manche der in Frage stehenden Maßnahmen ebenso mißliebig sind wie ihnen und ich gegen sie stimmen würde, weiß ich keine allgemeinen Prinzipien, auf die ich mich berufen könnte, um die Andersdenkenden zu überzeugen, daß jene Maßnahmen in der allgemeinen Gesellschaftsform, die wir beide wünschen, nicht zulässig sind. Erfolgreich mit anderen zu leben und zu arbeiten erfordert mehr als ein Festhalten an den eigenen konkreten Zielen. Es fordert eine intellektuelle Bindung an eine Form der Ordnung, in der anderen auch in Fragen, die für einen selbst grundlegend sind, gestattet ist, andere Ziele zu verfolgen.

 

Aus diesem Grund können für den Liberalen weder moralische noch religiöse Ideale Gegenstände des Zwanges sein, während weder Konservative noch Sozialisten solche Grenzen anerkennen. Ich habe manchmal das Gefühl, daß die hervorstechendste Eigenschaft, die den Liberalismus ebenso vom Konservativismus, wie vom Sozialismus trennt, die ist, daß moralische Anschauungen in Dingen des Verhaltens, das nicht unmittelbar in den geschützten Bereich anderer Personen eingreift, Zwang nicht rechtfertigen. Das mag auch erklären, warum es um so viel leichter zu sein scheint, daß der bekehrte Sozialist im konservativen Lager eine neue Heimat findet als im liberalen.

 

Letztlich beruht die konservative Einstellung auf dem Glauben, daß es in jeder Gesellschaft erkennbar höher stehende Personen gibt, deren ererbte Standards und Werte und Stellung geschützt werden sollten und die in öffentlichen Angelegenheiten größeren Einfluß haben sollten als andere. Der Liberale leugnet natürlich nicht, daß es höher stehende Menschen gibt – er ist kein Gleichheitsfanatiker -, aber er leugnet, daß irgend jemand die Befugnis hat zu entscheiden, wer diese höher stehenden Leute sind. Während der Konservative geneigt ist, eine bestimmte etablierte Rangordnung zu verteidigen, und wünscht, daß die Behörde den Status derer, die er hochschätzt, schützt, fühlt der Liberale, daß es die Achtung vor bestehenden Werten nicht rechtfertigt, zu Privilegien, Monopolen oder sonstigen staatlichen Zwangsmitteln zu greifen, um diese Personen gegen die Kräfte wirtschaftlicher Veränderungen zu schützen. Obwohl er sich der Bedeutung der Rolle, die kulturelle und intellektuelle Eliten in der Entwicklung der Zivilisation gespielt haben, voll bewußt ist, glaubt er aber auch, daß diese Eliten sich bewähren müssen durch ihre Fähigkeit, ihre Position unter denselben Regeln zu erhalten, die auf alle anderen angewendet werden.

 

Damit hängt auch die Einstellung der Konservativen gegenüber der Demokratie zusammen. Ich habe schon früher erklärt, daß ich die Mehrheitsregierung nicht als ein Ziel, sondern als ein Mittel betrachte oder vielleicht sogar nur als das geringste Übel unter den Regierungsformen, die uns zur Wahl stehen. Aber ich glaube, daß sich die Konservativen selbst täuschen, wenn sie die Übel unserer Zeit der Demokratie zuschreiben. Das Hauptübel ist eine unbeschränkte Regierung, und niemand ist befähigt, unbeschränkte Gewalt auszuüben. Die Macht, die die moderne Demokratie besitzt, wäre in den Händen einer kleinen Elite noch unerträglicher.

 

Es ist richtig, daß erst, als die Macht in die Hände der Mehrheit kam, eine weitere Beschränkung der Regierungsgewalt für unnötig gehalten wurde. In diesem Sinn stehen Demokratie und unbeschränkte Regierung in Zusammenhang. Aber nicht die Demokratie, sondern eine unbeschränkte Regierung ist abzulehnen, und ich sehe keinen Grund, warum die Menschen nicht lernen sollten, den Verantwortungsbereich einer Mehrheitsregierung ebenso zu beschränken wie den jeder anderen Regierungsform. Jedenfalls scheinen die Vorteile der Demokratie als Methode zu friedlicher Änderung und politischer Erziehung so groß im Vergleich zu den Vorteilen anderer Systeme, daß ich für den antidemokratischen Hang des Konservatismus keine Sympathie aufbringen kann. Nicht wer regiert, sondern was die Regierung zu tun berechtigt ist, scheint mir das wesentliche Problem zu sein.

 

Ich habe die Unterschiede zwischen Konservativismus und Liberalismus auf rein intellektuellem Gebiet schon besprochen, aber ich muß auf sie zurückkommen, weil die charakteristische konservative Einstellung hier nicht nur eine ernste Schwäche des Konservativismus ist, sondern auch jeder Sache zu schaden neigt, die sich mit ihm verbündet. Die Konservativen spüren instinktiv, daß es mehr als alles andere die neuen Ideen sind, die Änderungen verursachen. Aber der Konservativismus fürchtet, von seinem Standpunkt aus mit Recht, neue Ideen, weil er keine eigenen Prinzipien hat, die er ihnen entgegenstellen könnte; und durch sein Mißtrauen gegen Theorien und seinen Mangel an Vorstellungskraft in allem, was die Erfahrung nicht schon erwiesen hat, begibt er sich der Waffen, die im Kampf der Ideen nötig sind. Zum Unterschied vom Liberalismus mit seinem grundlegenden Glauben an die sich schließlich durchsetzende Kraft der Ideen ist der Konservativismus auf die zu einer gegebenen Zeit ererbten Ideen beschränkt. Und da er nicht wirklich an die Macht des Arguments glaubt, ist seine letzte Zuflucht immer eine Berufung auf das bessere Wissen, das er sich auf Grund seiner Superiorität anmaßt.

 

Dieser Unterschied zeigt sich am deutlichsten in der verschiedenen Einstellung der beiden Traditionen zum Fortschritt des Wissens. Wenn der Liberale auch sicherlich nicht jede Veränderung als Fortschritt ansieht, betrachtet er doch die Fortentwicklung des Wissens als eines der Hauptziele der menschlichen Bemühungen und erwartet von ihr die allmähliche Lösung solcher Probleme und Schwierigkeiten, die wir zu lösen hoffen können. Ohne das Neue vorzuziehen, bloß weil es neu ist, ist sich der Liberale bewußt, daß es das Wesen menschlicher Leistung ist, daß sie etwas Neues hervorbringt; und er ist bereit, sich mit dem neuen Wissen abzufinden, auch wenn ihm dessen unmittelbare Wirkungen nicht gefallen.

 

Ich persönlich finde, daß der unannehmbarste Zug der konservativen Einstellung ihre Neigung ist, gut untermauerte neue Kenntnisse abzulehnen, weil ihnen manche Folgen, die sich daraus zu ergeben scheinen, nicht behagen – oder, geradeheraus gesagt, ihr Obskurantismus. Ich will nicht bestreiten, daß sich Wissenschaftler ebenso wie andere Leute Lieblingsideen und Modeerscheinungen hingeben und wir allen Grund haben, in der Annahme der Schlußfolgerungen, die sie aus ihren neuesten Theorien ziehen, vorsichtig zu sein. Aber die Gründe unserer Zurückhaltung müssen selbst rational sein und von dem Bedauern geschieden werden, daß die neuen Theorien gerne gehegte Anschauungen umstürzen. Ich habe wenig Geduld mit jenen, die zum Beispiel die Entwicklungstheorie oder die sogenannte „mechanistische“ Erklärung der Lebenserscheinungen ablehnen nur wegen gewisser moralischer Folgerungen, die zunächst aus diesen Theorien zu folgen scheinen, und noch weniger mit jenen, die es für unehrerbietig oder gottlos halten, gewisse Fragen überhaupt zu stellen.

 

Mit der Weigerung, den Tatsachen gegenüberzutreten, schwächt der Konservative nur seine eigene Position. Oft folgen die Schlüsse gar nicht, die die rationalistische Einstellung aus den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zieht. Aber nur durch aktive Teilnahme an der Ausarbeitung der Folgerungen aus neuen Entdeckungen lernen wir, ob und wie sie in unser Weltbild passen. Sollte es sich wirklich zeigen, daß unsere moralischen Überzeugungen von Tatsachenannahmen abhängen, die sich als unzutreffend erwiesen haben, wäre es wohl kaum moralisch, sie dadurch zu verteidigen, daß wir es ablehnen, Tatsachen anzuerkennen.

 

Mit dem Mißtrauen des Konservativismus gegen das Neue und Fremde hängt auch seine Feindseligkeit gegen den Internationalismus und seine Neigung zu einem betonten Nationalismus zusammen. Hierin liegt eine weitere Ursache seiner Schwäche im Kampf der Ideen. Er kann die Tatsache nicht ändern, daß die Ideen, die unsere Zivilisation verändern, keine Grenzen respektieren. Aber abzulehnen, sich mit neuen Ideen bekannt zu machen, benimmt einem nur die Macht, ihnen, wenn nötig, wirksam entgegenzutreten. Die Entwicklung von Ideen ist ein internationaler Prozeß, und nur jene, die an der Diskussion voll teilnehmen, werden einen bedeutsamen Einfluß ausüben können. Es ist kein ernstes Argument, zu sagen, daß eine Idee unamerikanisch, unenglisch oder undeutsch ist, und ein falsches oder schlechtes Ideal wird deswegen nicht besser, weil es von einem unserer Landsieute aufgestellt wurde.

 

Über den engen Zusammenhang zwischen Konservativismus und Nationalismus ließe sich noch viel mehr sagen, aber ich will nicht dabei verweilen, weil empfunden werden könnte, daß mich meine persönliche Position unfähig macht, mit irgendeiner Form von Nationalismus zu sympathisieren. Ich will nur noch hinzufügen, daß dieser Hang zum Nationalismus oft die Brücke vom Konservativismus zum Kollektivismus bildet: von Gedanken an „unsere“ Industrie oder „unsere“ Naturschätze ist es nur ein kleiner Schritt zu der Folgerung, daß diese nationalen Vermögenswerte im nationalen Interesse gelenkt werden sollen. Aber in dieser Hinsicht ist der kontinentale Liberalismus, der aus der Französischen Revolution stammt, nicht viel besser als der Konservativismus. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß der Nationalismus dieser Art ganz etwas anderes ist als Patriotismus und daß eine Abneigung gegen Nationalismus mit einer tiefen Bindung an nationale Traditionen durchaus vereinbar ist. Aber daß ich manche Traditionen meiner Gesellschaft vorziehe und hochhalte, braucht kein Grund zu Feindseligkeit gegen das Fremde und Andersartige zu sein.

 

„Whig“ wäre der rechte Name

 

Daß der Antiinternationalismus des Konservativen so oft mit Imperialismus verbunden ist, scheint nur zunächst paradox. Aber je mehr jemand das Fremde ablehnt und seine Art als die überlegene betrachtet, desto mehr neigt er dazu, es als seine Mission zu betrachten, andere zu „zivilisieren“ – nicht durch freiwilligen und ungehinderten Verkehr, den der Liberale begünstigt, sondern indem er ihnen die Segnungen einer tatkräftigen Regierung bringt. Es ist bezeichnend, daß wir hier wieder die Konservativen häufig Hand in Hand mit den Sozialisten gegen die Liberalen finden – nicht nur in England, wo die Webbs und die Fabier ausgesprochene Imperialisten waren, oder in Deutschland, wo Staatssozialismus und kolonialer Expansionismus zusammen auftraten und die Unterstützung derselben Gruppe von „Kathedersozialisten“ fanden, sondern auch in den Vereinigten Staaten, wo schon zur Zeit des ersten Roosevelt bemerkt werden konnte: „Die Jingoes und die Sozialreformer haben sich vereinigt‘ und haben eine politische Partei gebildet, die drohte, die Regierung an sich zu reißen und sie für ihr Programm cäsaristischen Paternalismus zu gebrauchen, eine Gefahr, die nun abgewendet zu sein scheint, aber nur dadurch, daß andere Parteien ihr Programm in etwas milderem Maß und milderer Form angenommen haben.“

 

In einer Hinsicht jedoch ist es berechtigt zu sagen, daß der Liberale eine Mittelstellung zwischen Sozialisten und Konservativen einnimmt: Er ist ebenso weit von dem gröberen Rationalismus des Sozialisten entfernt, der alle sozialen Einrichtungen nach einem ihm von seinem individuellen Verstand vorgeschriebenen Plan umformen will, wie von dem Mystizismus, zu dem der Konservative so oft Zuflucht nehmen muß. Was ich als den liberalen Standpunkt beschrieben habe, teilt mit dem Konservativismus ein Mißtrauen gegen die Vernunft insofern, als der Liberale sehr wohl weiß, daß wir nicht alle Lösungen kennen, und nicht gewiß ist, daß die Lösungen, die er hat, sicherlich die richtigen sind, oder auch nur, daß wir alle Lösungen finden können.

 

Er verschmäht es auch nicht, Unterstützung von nichtrationalen Einrichtungen oder Bräuchen zu suchen, die ihren Wert erwiesen haben. Der Liberale unterscheidet sich vom Konservativen durch seine Bereitschaft, diese Unwissenheit hinzunehmen und zuzugeben, wie wenig wir wissen, ohne die Glaubwürdigkeit übernatürlicher Erkenntnisquellen zu beanspruchen, wo sein Verstand versagt. Es muß zugegeben werden, daß in mancher Hinsicht der Liberale im Grunde ein Skeptiker ist – aber es scheint einen gewissen Grad an Zurückhaltung zu erfordern, um andere in ihrer eigenen Weise glücklich werden zu lassen und an jener Toleranz konsequent festzuhalten, die ein wesentlicher Zug des Liberalismus ist.

 

Das hier Gesagte sollte genügen, um zu erklären, warum ich mich nicht als einen Konservativen betrachte. Viele aber werden das Gefühl haben, daß der hier entwickelte Standpunkt kaum dem entspricht, was sie „liberal“ zu nennen pflegten. Ich stehe daher jetzt der Frage gegenüber, ob dieser Name heute der richtige Name für die Partei der Freiheit ist. Ich habe schon angedeutet, daß ich mich zwar mein Leben lang als Liberalen bezeichnet habe, das aber in letzter Zeit mit immer stärkeren Bedenken getan habe – nicht nur, weil dieses Wort in den Vereinigten Staaten ständig zu Mißverständnissen Anlaß gibt, sondern auch, weil es mir immer bewußter wurde, welch große Kluft zwischen meinem Standpunkt und dem rationalistischen kontinentalen Liberalismus oder selbst dem englischen Liberalismus der Utilitarier besteht.

 

Es ist daher notwendig, festzustellen, daß das, was ich „Liberalismus“ genannt habe, wenig mit irgendeiner politischen Bewegung zu tun hat, die heute diesen Namen trägt. Es ist auch fraglich, ob die historischen Assoziationen, die mit diesem Namen verbunden sind, heute dem Erfolg einer Bewegung förderlich sind. Ob man unter diesen Umständen versuchen soll, den Namen vor diesem, wie wir meinen, Mißbrauch zu retten, ist eine Frage, über die die Ansichten auseinandergehen mögen.

 

Wir sollten uns jedoch ins Gedächtnis rufen, daß zu der Zeit, da sich die Ideale, die ich versuchte, neu zu formulieren, in der westlichen Welt zu verbreiten begannen, die Partei, die sie vertrat, einen allgemein anerkannten Namen hatte. Es waren die Ideale der englischen Whigs, die die später in ganz Europa als liberale Bewegung bekannte Strömung angeregt haben und die Vorstellungen schufen, die von den amerikanischen Kolonisten mitgenommen wurden und sie in ihrem Kampf um die Unabhängigkeit und bei der Aufstellung ihrer Verfassung leiteten. Bis zu der Zeit, da der Charakter dieser Tradition durch die auf die Französische Revolution mit ihrer totalitären Demokratie und ihren sozialistischen Neigungen zurückgehenden Zusätze verändert wurde, war „Whig“ der Name, unter dem die Partei der Freiheit allgemein bekannt war.

 

Aber da der Liberalismus erst an die Stelle des Whiggismus trat, nachdem die Freiheitsbewegung den groben und militanten Rationalismus der Französischen Revolution in sich aufgenommen hatte, und da es unsere Aufgabe sein muß, jene Tradition von den in sie eingedrungenen allzu rationalistischen, nationalistischen und sozialistischen Einflüssen zu befreien, gilt es immer noch, daß „Whig“ der historisch richtige Name für die Ideen ist, die ich vertrete. Je mehr ich über die Ideengeschichte lerne, desto bewußter wird mir, daß ich einfach ein unverbesserlicher Old Whig bin – mit der Betonung auf „Old“…

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main

Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte für F.A.Z.-Inhalte erwerben Sie auf www.faz-rechte.de