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Von Robert Nef

 

Der Verfasser dieses Beitrags hält wenig von Polemik und viel von einem offenen Meinungsaustausch unter Beteiligten, die sich teilweise einig und teilweise uneinig sind. Als Schweizer bin ich es gewohnt, mit Menschen anderer Meinung und anderer Mentalität einen friedlichen konstruktiven Austausch zu pflegen, und wer anderer Meinung ist, ist nicht automatisch mein Feind.

 

Hans-Hermann Hoppe hat sich als Ökonom und Sozialphilosoph intensiv mit Ludwig von Mises, Murray Rothbard und Friedrich August von Hayek befasst und nimmt in seinem zweiteiligen Beitrag Letzteren ins Visier. Hayek hat für Hoppe eine gefährliche Tendenz, herkömmliche staatliche Institutionen für freiheitskompatibel zu halten. Mit dieser Kompromissbereitschaft habe er den Etatisten aller Parteien Argumente geliefert und den wahren Protagonisten für eine freie Gesellschaft geschadet. Dahinter steckt die These, dass nur Staatsfeinde wahre Freunde der Freiheit sein können. Hoppe verschweigt, dass sich auch Ludwig von Mises dezidiert vom doktrinären Anarchismus distanziert hat.

 

Es gibt zwischen minarchistischen Staatsskeptikern und anarchistischen Staatsfeinden Trennendes und Gemeinsames, und in der unterschiedlichen Rezeption wurde oft das Trennende hervorgehoben. Ich frage mich aber, ob es der Freiheitsidee dient, wenn man sich allzu sehr auf das Trennende konzentriert und einander gegenseitig exkommuniziert. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Gemeinsamkeiten, Abweichungen und Widersprüchen im Sinn einer ideengeschichtlichen Analyse der Differenzen zwischen Mises und Hayek wäre meines Erachtens sinnvoller als die Rekapitulation der Streitereien zwischen Institutionen, die sich als Nachlassverwalter profilieren und – auch das ist Ökonomie – auf Sponsoren angewiesen sind. Das zwingt oft zu Kompromissen, die mit dem ursprünglichen Gedankengut wenig zu tun haben.

 

Wenn Hoppe solche Zusammenhänge aufzeigt und als „üppige Portion von politisch korrektem Opportunismus“ kritisiert und wenn er die unterschiedliche Hayek-Rezeption auf beiden Seiten des Atlantiks aus seiner Sicht beschreibt, ist dies verdienstvoll. Wenn er aber dafür den Autor Hayek selbst verantwortlich macht und damit in ein schiefes Licht rückt, dient dies mehr der Polemik als der wissenschaftlichen Aufklärung. Ayn Rands Verdienste als freiheitsbewusste Schriftstellerin sind unbestritten, aber auch sie kann für ihre Rezeption bei dem von ihren Anhängern zum Teil fast sektiererisch vertretenen Atheismus nicht verantwortlich gemacht werden. Die auf eine Passage in einem Brief (aus dem Jahr 1946!) abgestützte Hayek-Kritik, die Hoppe als „Aufhänger“ dient, bezieht sich nämlich eher auf eine voreilige und fragwürdige Hayek-Rezeption als auf Hayek selbst.

 

Mises und Hayek

Eine sorgfältige Analyse der wissenschaftlichen und weltanschaulichen Differenzen und Übereinstimmungen zwischen Mises und Hayek steht meines Erachtens noch aus. Möglicherweise liegt sie nicht im Interesse der amerikanischen Thinktanks, die auf dem Sponsorenmarkt tastsächliche und angebliche Gegensätze bewusst kultivieren. Mises war bestimmt staatskritischer, als es Hayek in seiner „Verfassung der Freiheit“ war, aber in späteren Aufsätzen und Vorträgen hat Hayek, was auch Hoppe feststellt, mit dem kontinuierlichen Staatswachstum grundsätzlich gehadert. Er führte es auch auf konzeptionelle Mängel der Demokratie zurück.

 

Hayek folgte seinerzeit in Wien den Privatvorlesungen des Mises-Kreises, aber er war nicht sein Schüler. Die Differenzen zwischen Mises und Hayek sind auch aus meiner Sicht erheblich. Aber sie sind eher erkenntnistheoretischer als politischer oder ökonomischer Natur, und auch in der Erkenntnistheorie gibt es nicht einfach ein „Richtig“ und ein „Falsch“. Ich selbst neige eher zu einer psychologischen als zu einer rein rationalistischen Betrachtungsweise, die ich aber nie einfach als „falsch“ oder als „freiheitsfeindlich“ bezeichnen würde. Auch über die „Natur des Menschen“ und das darauf abgestützte Naturecht gibt es nicht nur die Meinung von Murray Rothbard und Hans-Hermann Hoppe. Wer hier Vertreter abweichender Ansätze voreilig aus der Gemeinschaft der Freiheitsfreunde „exkommuniziert“, tut der Sache der Freiheit keinen Gefallen.

 

Wir sollten uns als Kämpfer für die Freiheit eher mit den fest im politischen Sattel sitzenden und auch in der Wissenschaft gut organisierten Gegnern der Freiheit auseinandersetzen, als uns gegenseitig über interne Differenzen eines notwendigerweise vielfältigen Freiheitsverständnisses zu zerstreiten. Aus meiner Sicht ist es völlig normal, dass Freunde der Freiheit über die Notwendigkeit beziehungsweise die Entbehrlichkeit der real existierenden Institution Staat und über mögliche Wege hin zu „weniger Staat und mehr Freiheit“ unterschiedliche Auffassungen und unterschiedliche mögliche Vorgehensweisen vertreten. Wer rechtsstaatliche Institutionen für unentbehrlich hält, ist nicht automatisch Etatist oder Sozialist. Dass Freiheit – denknotwendig – nur ohne Staat möglich sei, ist eine Hypothese, für die es in der Geschichte noch kaum Belege gibt. Umso wichtiger ist es, dass man um Argumente und Gegenargumente ringt und debattiert, wie dies in dieser Zeitschrift erfreulicherweise der Fall ist.

 

Ich möchte im Folgenden nicht auf die persönlich „abrechnenden“ Passagen in Hoppes Beiträgen eingehen, sondern aufzeigen, warum Hayek seit jeher sowohl etatistischen als auch antietatistischen Ökonomen und Sozialphilosophen Angriffsflächen geboten hat und immer noch bietet.

 

Die meisten Publikationen von Friedrich August von Hayek sind schon bei ihrem Erscheinen Gegenstand heftiger Kontroversen gewesen, und zeit seines Lebens hat er die geistige Auseinandersetzung gesucht und geschätzt. Man täte ihm keinen Gefallen, wenn man ihn nach seinem Tod als „Klassiker“ dogmatisieren würde. Dazu ein Zitat aus einem Aufsatz Hayeks in den „Schweizer Monatsheften“ aus dem Oktober 1956: „Der Kampf gegen den Aberglauben, den der Rationalismus führte, hat in eigenartiger Weise zu einem neuen Aberglauben geführt. Dieser Kampf war natürlich gerechtfertigt, soweit er sich gegen alle Meinungen richtete, die sich als falsch erwiesen hatten. Aber zwischen dem Bestreben, nichts Falsches zu glauben, und dem Bestreben, nichts zu glauben, was nicht als richtig erwiesen ist, besteht ein großer Unterschied: Während das Erste nicht nur löblich, sondern eine Forderung intellektueller Rechtschaffenheit ist, ist Letzteres weder wünschenswert noch auch nur möglich.“

 

Wir leben heute in einer Zeit des zunehmenden und wuchernden Etatismus, und die generelle Tendenz geht in Politik und Wissenschaft weltweit hin zu „mehr Staat“. Aus meiner Sicht ist es daher vordringlicher, die staatsskeptische Seite in Hayeks Lebenswerk hervorzuheben als ihn voreilig und meines Erachtens unfair als Vorreiter des sozial-demokratischen Daseinsvorsorgestaates zu diffamieren. Unbestritten ist, dass seine Alterswerke wesentlich staatskritischer sind als das 1959 in Chicago erschienene Werk „The Constitution of Liberty“.

 

Hayeks Kritik am vorsorgenden Staat

Hayeks Kritik an einem vorsorgenden Staat, der das Ziel einer „sozialen Gerechtigkeit“ verfolgt, hat schon unmittelbar nach der Publikation seiner Aufsätze und Bücher eine heftige Gegenkritik ausgelöst. Exemplarisch dafür ist der 1993 von Roland Kley in der Münchner „Zeitschrift für Politik“ publizierte Artikel, der den damaligen Stand der etatistisch-interventionistischen Kritik an Hayeks Auffassungen über Markt, Freiheit und Gerechtigkeit zusammenfasst. Kley kritisiert Hayeks Versuch einer „wissenschaftlichen Begründung der Überlegenheit des Liberalismus über den Sozialismus“ und zeigt, wie unscharf und inkonsistent diese Gegenüberstellung ist.

 

Die etatistische Hayek-Kritik ist, was die Inkonsistenz und die teilweise Inkonsequenz betrifft, durchaus berechtigt, und sie deckt sich – wenigstens diesbezüglich – mit der libertären, radikal-liberalen Hayek-Kritik von der Gegenseite. Für Hoppe gibt es gute Gründe, daran zu zweifeln, dass eine demokratisch verfasste Staatsorganisation eine dauerhaft funktionierende Limitierung staatlicher Macht garantieren könne. Er hat das vor 25 Jahren (in einem Aufsatz in: Christoph Frei / Robert Nef ed., „Contending with Hayek“, Bern 1994) ohne jede Polemik dargelegt.

 

Hayeks Skizze für ein liberales Regierungssystem (in: „Recht, Gesetzgebung und Freiheit“, Band 3, München 1981) ist aus diesem Grund sowohl aus libertärer als auch aus strikt liberaler Sicht umstritten. Anthony de Jasay hat seine diesbezüglichen Zweifel wiederholt einleuchtend begründet (etwa in einem Aufsatz in: Gerard Radnitzky / Hardy Bouillon, Hrsg., „Ordnungstheorie und Ordnungspolitik“, Berlin 1991).

 

Dass Hayeks Lebenswerk keine abgeschlossene und konsistente Theorie des Marktes, des Liberalismus und der Freiheit enthält, trifft zu. Es fragt sich nur, ob eine solche Theorie überhaupt möglich und erwünscht wäre und ob sie von Hayek je beabsichtigt worden ist. Weder Kant noch Marx haben geschlossene und konsistente Theorien hinterlassen, sondern Lebenswerke, die Entwicklungen und auch Brüche enthalten, aber einer ganzheitlichen Gesinnung entspringen und einen Prozess mit Entdeckungen und Erfindungen widerspiegeln. Dasselbe gilt übrigens auch etwa für Machiavelli und erst recht für Adam Smith, Edmund Burke und Alexis de Tocqueville.

 

Hayek hat für keine seiner Schriften Anspruch auf Vollständigkeit und wissenschaftliche Unanfechtbarkeit erhoben, aber er hat seinen Standpunkt stets kompromisslos vertreten und seine Prämissen (die vor allem sein Menschenbild und sein Geschichtsbild betreffen) nicht verschwiegen oder versteckt. Auch bei seinen sozialwissenschaftlichen „Entdeckungen und Erfindungen“ stellte sich Hayek selbst stets der Idee des Marktes im Sinn des offenen Meinungsaustauschs und des Wettbewerbs. Er zog das Kriterium der Bewährung stets dem Kriterium der Wahrheit in einem metaphysischen Sinn vor. Seine Auffassung von Wissenschaftlichkeit orientiert sich an Hume und nicht an Descartes. Jene Kritiker, die ihn – wie etwa Dahrendorf – als sturen „Dogmatiker des Marktes“ kritisierten, hatten ihn möglicherweise nicht sorgfältig genug gelesen oder nicht richtig verstanden.

 

„Freiheit“ und „freie Märkte“ beruhen für Hayek auf dem Bekenntnis zur Spontaneität. Die „inneren Kräfte“, die hier wirken, kann und will er nicht beschreiben, weil sie zu wesentlichen Teilen unsichtbar beziehungsweise verborgen sind.  Spontaneität ist aber für ihn nichts anderes als das, was sich abspielt, wenn man auf den zentralen Einsatz kollektivistisch organisierten Zwangs verzichtet, aber dennoch an den Sinn von individuellen und freiwillig gemeinsamen Unternehmungen aller Art glaubt. Spontaneität ist nicht mit Fatalismus zu verwechseln. Der Fatalist lässt geschehen, der Spontanist engagiert sich als Individuum und in frei gewählten Gemeinschaften für das, was er für gut hält, oder für das, was ihm Freude bereitet. Er erhebt dabei keinen Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit und verzichtet grundsätzlich auf kollektiven Zwang und individuelle Gewalt.

 

Dass Hayek bei den durchaus notwendigen sozialen Korrekturen marktwirtschaftlicher Verteilungsprozesse (man denke an die soziale Umverteilung, die etwa im Rahmen der Familien von Generation zu Generation seit Menschengedenken immer wieder erfolgt) auf immer wieder neu entstehende und immer wieder neu – nonzentral – zu ermöglichende Spontaneität und auf nonzentrale Entscheidungsstrukturen ohne Umweg über einen staatlichen Zwangsapparat setzt, zeugt wohl eher von historisch erhärtetem Realitätssinn als von weltfremdem Idealismus oder gar manichäischem Dogmatismus.

 

Wenn Hayek nicht für eine sofortige und radikale Abschaffung sämtlicher Staatsinterventionen plädiert hat, zeugt dies von seinem Realitätssinn. Er ging mit seinen Reformvorschlägen nicht von einer nachrevolutionären „Tabula rasa“ aus, sondern von einer historisch gewachsenen Ordnung, deren Mängel darin bestehen, dass man deren Spontaneität durch kontraproduktive Zwangsmaßnahmen immer wieder und immer mehr gestört und zerstört hat. Inwiefern Hayek tatsächlich an die Möglichkeit eines „geordneten Rückzugs“ aus politökonomischen Fehlstrukturen geglaubt hat, muss offenbleiben. Menschen aus seinem Umfeld bezeugen einen diesbezüglich zunehmenden Gegenwartspessimismus, bestätigen aber gleichzeitig, dass Hayek seine Einsichten und Hoffnungen auf eine sehr langfristig angelegte Sicht der Menschheitsgeschichte ausgerichtet hat.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv publizierten Beiträgen in der November-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 217.