Im Rahmen eines Kooperationsseminars der Bibliothek des Konservatismus und der Hayek-Gesellschaft diskutierten Studenten und Jungakademiker das Gemeinwohl aus konservativer und liberaler Sicht.

Vom 28. bis 30. August 2026 trafen sich in Weimar Studenten und Jungakademiker auf Einladung der Bibliothek des Konservatismus und der liberalen Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft e. V. für ein Kooperationsseminar zum Thema „Das Gemeinwohl – Ein zentraler Topos der Sozialphilosophie“. Die Hayek-Gesellschaft war durch Professor Dr. Gerd Habermann, Dr. Hendrik Hagedorn und Johannes Koberstein vertreten, die BdK durch deren Leiter Dr. Wolfgang Fenske sowie Jonathan Danubio und Sebastian Krockenberger.
Zur Einführung wurde ein Textabschnitt des französischen Ökonomen und Philosophen Bertrand de Jouvenel (1903–1987) aus dessen Werk „Über Souveränität“ bearbeitet. Er beschreibt darin die Problemlage in der Moderne, die dadurch gekennzeichnet sei, daß die Religion als Bindemittel der Gesellschaft wegfalle und kein einheitliches Pflichtverständnis mehr bestehe. Damit rücke die Frage nach der Definition des Begriffs „Gemeinwohl“ und dessen Umsetzbarkeit in den Blick. Jouvenel macht darauf aufmerksam, daß der Konflikt um das Verständnis des Gemeinwohls zurückreiche bis zum Universalienstreit des Mittelalters. Damals ging es um die Frage, ob ein Allgemeinbegriff wie „Gemeinwohl“ eine eigene seinsmäßige Existenz habe oder nur ein Konstrukt des Verstandes sei.
Die Beschäftigung mit Texten vom Adam Smith (1723–1790) als einem liberalen Vordenker und Vertreter der schottischen Aufklärung machte deutlich, welche grundlegende Veränderung im 18. Jahrhundert begonnen hat. Smith betonte, daß die einzelnen Menschen nicht die Absicht hätten, das Gemeinwohl zu fördern. Indem sie jedoch ihren Privatinteressen und Leidenschaften folgen, nutzten sie der gesamten Gesellschaft. Smith reduzierte dabei auch den Begriff der Gerechtigkeit auf den Grundsatz, man solle dem anderen nicht schaden. Das steht im Gegensatz zu der klassischen Definition des römischen Rechts, die auf den spätantiken Juristen Ulpian zurückgeht. Dieser vertrat zusätzlich zu dem Rechtsgebot, niemandem zu schaden, die Rechtsgebote ehrenhaft leben sowie jedem das Seine gewähren.
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Johannes Messner (1891–1984), als Vertreter der thomistischen Tradition, sieht es demgegenüber als Aufgabe einer politische Autorität an, die einzelnen mit ihren legitimen Eigeninteressen auf das Gemeinwohl hinzulenken. Ein minimaler Grundbestand an Gemeinwohlwerten sei überzeitlich: ein gesicherter Frieden, die gesellschaftliche Zusammenarbeit bei der Bereitstellung des Lebensnotwendigen sowie die Aufrechterhaltung öffentlicher Ordnung. Die Verwirklichung des Gemeinwohls kann in zahlreichen verschiedenen Formen angestrebt werden. Da es nie vollständig verwirklicht werden kann, besteht ein beständiger Handlungsbedarf.
Die Kritik Karl Poppers (1902–1994) an Platon wurde ebenso diskutiert. Indem Popper das platonische Modell eines Idealstaates als zwingendes politisches Programm mißdeutet, warf er diesem vor, Vordenker des Totalitarismus zu sein. Platon habe Sokrates verfremdet und biete mit seinem Werk „Der Staat“ den radikalsten Gegenentwurf einer „offenen Gesellschaft“, wie Popper sie vertrete und wie sie eigentlich Ergebnis einer Entwicklung sein müsse, die den Impuls der griechischen Antike zu Vernunft und Individualismus aufgreife.
Der Heidelberger Staats- und Verwaltungsrechtler Ernst Forsthoff (1902–1974) schuf mit „Daseinsvorsorge“ einen verwaltungsrechtlichen Begriff, der zunächst sicherstellen sollte, daß nicht nur die Eingriffsverwaltung des Staates (Steuereinzug, Polizei usw.), sondern auch seine Leistungen (Sozialstaat, Bildungssystem usw.) eine klare, die Teilhabe des einzelnen regelnde juristische Grundlage erhalten. Ab Mitte der 1960er Jahre fand er Eingang in die gesellschaftspolitische Debatte, wo er für etatistische Konservative zu einem zentralen Aspekt innerhalb eines umfassenderen Gemeinwohlkonzepts wurde. Die Daseinsvorsorge durch den Staat verhält sich demnach komplementär zur „Daseinssicherung“, die die moderne Gesellschaft durch arbeitsteilige Optimierung des Humankapitals an sich selbst leiste. Beide seien strikt voneinander zu trennen: Wie der Staat sich nicht am marktwirtschaftlichen Wettbewerb beteiligen dürfe, solle die Gesellschaft keine Aufgaben des Staates übernehmen. In der sich schon damals abzeichnende „Osmose“ von Staat und Gesellschaft erblickte Forsthoff eine Gefahr.
An Hand des Aufsatzes „Wahrer und falscher Individualismus“ von Friedrich August von Hayek (1899–1992) erarbeiteten die Seminarteilnehmer ein spezifisch liberales Verständnis von Individualismus. Hayek grenzt sich ab von einem Individualismus, wie ihn die französische Aufklärung vertrat, der immer die Tendenz habe, sich in sein Gegenteil, den Kollektivismus, zu verkehren. Der „echte Individualismus“, der auf die schottische Aufklärung zurückgehe, sei hingegen zuerst eine soziale Theorie, die ein Verständnis vor allem des wirtschaftlichen Zusammenwirkens der Menschen biete. Erst in einem zweiten Schritt würden daraus politische Maximen folgen. Der „echte Individualismus“ vertrete keinen Anarchismus , was aber das Resultat des „Pseudo-Individualismus“ der französischen Aufklärer sei. Im Gegenteil würde es darum gehen, Institutionen aufzubauen, die den Rahmen schaffen, in dem legitime Eigeninteressen verfolgt werden könnten.
In den Debatten des Seminars wurde deutlich, daß Konservative und Liberale in politischen Zielen Gemeinsamkeiten haben, wie die Forderung nach einer Verschlankung des Staates („Minimalstaat“) und der Stärkung von persönlicher Verantwortung des einzelnen, sie unterscheiden sich jedoch auf der theoretischen Ebene und in der Umsetzungsweise. Wo Liberale zum Beispiel auf das freie Spiel der Kräfte setzen („Spontane Ordnung“), sind Konservative der Meinung, daß es einer Autorität bedarf, die das Eigeninteresse der einzelnen zum Gemeinwohl lenkt. Wenn liberale Denker die Legitimtät eines gemeinschaftlichen Strebens nach dem Gemeinwohl hinterfragen oder es auf das für die Verwirklichung von Eigeninteressen minimal notwendige reduzieren wollen, greifen hingegen konservative Denker auf Legitimitätsquellen wie Dezision, Kultur bzw. Tradition, Naturrecht sowie Religion zurück, um die Verwirklichung des Gemeinwohls zu legitimieren.
Abgerundet wurde das Seminar durch einen gemeinsamen Besuch des Goethe-Nationalmuseums sowie des Wohnhauses Goethes in Weimar.
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Gelesen wurden (in Auszügen):
Bertrand de Jouvenel: Über Souveränität, 1955
Adam Smith, Wealth of Nations, erstm. 1776
Johannes Messner: Die soziale Frage, 8. Aufl. 1964
Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, erstm. 1945
Ernst Forsthoff: Rechtsfragen der leistenden Verwaltung, 1959
Friedrich A. von Hayek: Wahrer und falscher Individualismus, 1945
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Wir verwenden diese Zusammenfassung mit freundlicher Genehmigung der BdK.